„Wir wollen nicht hören, was nicht geht, sondern was geht!“

Horst Winkelhag in seinem Haus in Frechen

Seit über 20 Jahren Vorsitzender der Interessenvereinigung Frechener Unternehmer (IFU): Horst Winkelhag, hier beim Interview in seinem Haus in Frechen.
Bild: Susanne Neumann

 

Rund 180 Betriebe in Frechen sind Mitglieder der Interessenvereinigung Frechener Unternehmer (IFU). In der Öffentlichkeit und gegenüber Politik und Verwaltung vertritt in erster Linie ihr langjähriger Vorsitzender Horst Winkelhag die Belange der Frechener Wirtschaft. Frechenschau.de-Redakteurin Susanne Neumann besuchte den Unternehmensberater in seinem Haus in Frechen und sprach mit ihm über seinen Wirkungskreis.

Frechenschau.de: Herr Winkelhag, Sie haben die IFU vor 27 Jahren mitgegründet, waren zunächst Geschäftsführer und sind nun seit über 20 Jahren ihr Vorsitzender. Sie sagen, sie arbeiten vier bis fünf Stunden am Tag durchweg nur für die IFU. Als Unternehmensberater sind sie auch noch tätig. Demnächst werden Sie 72 Jahre. Wie lange wollen Sie den IFU-Vorsitz noch machen?

Horst Winkelhag: Ich weiß es auch nicht. Aber ich tu mich schwer damit, einen Nachfolger zu suchen (winkt ab, Anm.d.Red.). Die sollen selber einen suchen. Der muss Zeit mitbringen und auch noch reden können. Mir macht es nichts aus, vor tausend Leuten zu reden. Dann kommt noch das Netzwerken dazu, und das ist bei mir nicht von schlechten Eltern. Nächstes Jahr kommt zum Beispiel die nordrheinwestfälische Schul- und Bildungsministerin zu uns, der Wirtschaftsminister wird auch kommen. Da haben wir schon gute Connections.Das gehört natürlich auch mit dazu, zumal die Politik ja auch wissen soll, was da draußen bei uns los ist, und nicht nur auf die Großstädte fokussiert ist.

Was für einen Kontakt haben Sie zu dem frisch wiedergewählten Bundestagsabgeordneten unseres Wahlkreises Rhein-Erft I, Dr. Georg Kippels?

An für sich einen recht guten Kontakt, wie zu anderen Abgeordneten auch, wie zum Beispiel zu den Landtagsabgeordneten Frank Rock, Ralph Bombis …

Haben Sie sich in den letzten vier Jahren gut von Herrn Kippels im Bundestag vertreten gefühlt?

Wenn es um Gesundheit geht – und das ist ja sein Metier – ja. Wie weit er Einfluss in Berlin hat … (zuckt die Achseln und lässt den Satz offen).

Was wäre denn ihr größter Wunsch an Herrn Kippels, was er für unsere Region tun sollte in Berlin?

Wir müssen neue Gewerbegebiete ansiedeln und digitalisieren. Da müssen auch auf Bundesebene Weichen gestellt werden. Da hören wir oft: Ländersache … Bundessache, das interessiert uns sowohl als Bürger als auch Wirtschaft kaum, es muss gehandelt werden.

In der ganzen Digitalgeschichte sind wir Entwicklungsland. Der Datenschutz muss sich anpassen an die neuen Gegebenheiten. Der ist in der jetzigen Form Anachronismus. … Ich glaube, Google weiß mehr von Ihnen, als Sie von sich selber.

Oder nehmen Sie den Breitbandausbau: Ich hab‘ meinen Vertrag mit Netcologne umgestellt – auf diese 50 Megabit pro Sekunde. Merken tu‘ ich davon nichts, nur an der Rechnung. Die Netzbetreiber haben in Frechen Glasfaser gelegt bis zum Verteilerkasten und dann war oft Feierabend. Wenn sie als Unternehmer das letzte Stück vom Verteilerkasten zu ihrem Unternehmen mit Glasfaser verbinden wollen, dann sind Sie arm. Was das kostet, das kann zum Teil in die Tausende gehen!

Der Vorstandsvorsitzende von Netcologne hat da im Rahmen eines Digital Talks in Frechen etwas von sich gegeben … so ungefähr: „Wir sind auf Köln fokussiert.“ Da platz mir der Hemdkragen! Wenn ich den Aufsichtsratsvorsitzenden treffe, werde ich ihn mal fragen, ob das so sein soll: Köln, und dann gucken wir mal, was übrigbleibt?

Und Vodafone ist in Frechen auch nicht optimal aufgestellt. Die Großen – Telekom, Vodafone oder Netcologne, wieviel Interesse haben die, so viele Millionen in die Hand zu nehmen, dass Frechen optimal da steht … oder das Gewerbegebiet. Wer bitteschön soll das hier machen? Da ist auch die Stadt gefragt. Die muss sich hier auch haushaltspolitisch überlegen: Was kann gemacht werden und wie kann es gemacht werden?

Sie meinen, die Leitungen müssen öffentlich finanziert werden?

Nicht komplett, aber so, wie beim zum Beispiel beim Telefonanschluss auch. Der ist pauschal, egal ob Sie dafür hundert Meter Kabel verlegt bekommen oder drei Meter. Genauso wie auch beim Gas-Anschluss. Auf diese Art und Weise muss das gemacht werden …

… dass man Glasfaser bis ins Haus gelegt bekommt?

Ja, und da muss viel Geld in die Hand genommen werden.Das kann man nicht alles auf die Wirtschaft abwälzen.

Die Stadt Frechen hat in einem Pilotprojekt rund ums Frechener Rathaus fünf Hotspots für einen freien Zugang ins Internet einrichten lassen. Die städtische Wirtschaftsförderin Susanne Dettlaff erwartet von der Wirtschaft nun auch ein Zutun: Die nächsten Hotspots – zumindest auf der Hauptstraße  – sollten von den Geschäftsleuten eingerichtet werden.

Die können manchmal leicht reden.

Wer ist bei der Stadt Frechen Ihr wichtigster Kontakt, Herr Winkelhag?

Der oberste Wirtschaftsförderer muss der Bürgermeister selber sein. Wie es jetzt Bürgermeisterin Susanne Stupp ist und wie es davor Hans-Willi Meier war. Und da wollen und müssen wir die Handschrift jedes Bürgermeisters und jeder Bürgermeisterin erkennen. Susanne (Stupp) macht’s auch gut, das muss ich fairerweise sagen: Sie ist eine tolle Repräsentantin für Frechen und damit auch für unsere Wirtschaft hier.

Was gehört denn zur Handschrift?

Zur Handschrift – auf die Wirtschaft bezogen  – gehört erstmal die Pflege der Wirtschaft. Die Bürgermeisterin tut viel für die „Kundenpflege“, sag ich mal, weil sie sehr viel bei Unternehmen ist. Sie hört sich die Sorgen und Nöte nicht nur an, da muss dann teilweise auch etwas umgesetzt werden. Der Dialog mit uns ist da sehr, sehr wichtig. Wir kennen ja auch unsere Pappenheimer. Da sind auch welche dabei, die immer nur fordern.

Und das Thema ‚Gewerbegebiete‘ gehört zur Handschrift. Neue Gewerbegebiete haben wir in Frechen keine mehr. Da wünsche ich mir auch von unserer Verwaltung etwas mehr Druck, da kommt einfach zu wenig. Es gibt ja oben das Gebiet „Wachtberg“. Wenn ich frage: Wann können wir da ein neues Gewerbegebiet realisieren? Dann höre ich: in 10 Jahren! Das geht nicht! Alles lebt heute vom Wachstum. Das heißt, auch der Haushalt muss zwangsläufig jedes Jahr um Prozent X größer werden. Wenn keine neuen Firmen da sind, wo kommt dann die Gewerbesteuer her? Und wenn dann die eine oder andere Firma eine Lungenentzündung kriegt bei der Höhe der Gewerbesteuerzahlung, dann sieht es aber finster aus! Das haben wir alles schon gehabt.

Es stehen auch viele Geschäfte und Gebäude in Frechen leer, in denen sich Firmen ansiedeln könnten.

Das wird ja jetzt in die Hand genommen, auch mit Frau Dettlaff. Wenn so ein Gebäude ein Abschreibungsmodell ist, wenn es für die Eigentümer preiswerter ist, das leer stehen zu lassen, dann können Sie nichts machen. Aber man kann versuchen, Konzepte zu entwickeln und präsent zu machen. Da muss man Interessenten auch etwas anbieten können, baulich etwas zu verändern. Und da ist es ist absolutes Muss, dass sich die Wirtschaft auch ans Rathaus wendet.

Die IFU beteiligt sich dann auch an solchen Konzepten?

Ja, sicher das. Aber wenn Ihnen als Unternehmer in Frechen der Standort zu eng wird, und Sie sagen: Hier könnte ich was dranbauen, dann kommt man Ihnen wieder mit dem Bebauungsplan, der sagt: Geht nicht! Wir wollen aber nicht hören, was nicht geht, wir wollen hören, was geht! Auch ein Bebauungsplan ist nicht in Stein gemeißelt, der kann geändert werden! Dann muss man den an die Bedürfnisse anpassen, die da sind.

Gerade wurde der Haushaltsplan für 2018 im Rat der Stadt Frechen eingebracht. Kämmerer Patrick Lehmann hat in seiner Rede dazu festgestellt, dass der vorgelegte Haushalt funktioniere, aber nur knapp, und dass die Erarbeitung eines genehmigungsfähigen Haushaltes in den kommenden Jahren immer schwieriger werde. Welche Bedeutung hat da die Wirtschaft?

Geschätzte 39 Millionen Euro Gewerbesteuer, das ist ein Pfund. Das heißt, wenn die Wirtschaft eine Grippe kriegt, muss man aufpassen, dass der Stadthaushalt keine Lungenentzündung bekommt. Die öffentliche Hand muss überlegen, wo gespart werden kann. Wenn Ihnen zu Hause eine Einnahme wegbricht, dann müssen sie überlegen: Wo kann ich sparen? Was anderes bleibt Ihnen gar nicht übrig. Und denen fällt nur Steuererhöhung ein, wie voriges Jahr die Gewerbe- und Grundsteuererhöhung? Das kann es ja nicht alleine sein.

Laut Umfrage von IFU und IHK Köln ist fast jeder zweite Frechener Unternehmer unzufrieden mit der Verfügbarkeit und Qualifikation von Auszubildenden und von Arbeitskräften. Was heißt das, Herr Winkelhag?

Das ist seit Jahren ein Thema. Das heißt, der Fachkräftemangel ist groß. Gebraucht werden vor allem Ingenieure, IT-Leute … Und Handwerker: Die haben einfach zu viel zu tun und kriegen keine Leute.

Für junge Leute ist das Ausbildungsangebot aber auch zu unübersichtlich. Früher war es leichter: Wenn sie sich mit 12, 13, 14 Jahren gefragt haben, was sie werden könnten, dann war es mit zwei Händen zu fassen, was es da so alles gibt. Heute gibt es Hunderte und Aberhunderte Berufe! Diese Spezialisten werden auch gebraucht, aber sie müssen die Kids auch dazu kriegen, dass die überhaupt einen Beruf finden, von dem sie sagen: Och, das interessiert mich. Da müssen wir auch die Eltern wieder ins Boot holen, dass die ihren Sohn oder ihre Tochter lenken. Sonst bleibt die Berufswahl reiner Zufall! Vielleicht müssen wir auch weg vom Abiturwahn, dass die Eltern immer sagen: Mach Abitur, dann hast du ausgesorgt. Was auch mittlerweile Quatsch ist. Häuptlinge haben wir genug, wir brauchen Indianer!

Und wenn Sie jetzt noch das Thema Flüchtlinge dazu nehmen: Da sind sehr viele bei, die sich schon nach relativ kurzer Zeit recht gut verständigen können, aber die dürfen keine Ausbildung machen! Ich hab jetzt einen gehabt, ich glaube, das war ein Marokkaner, der wollte eine Ausbildung machen, da hieß es dann: „Der ist ja gar nicht anerkannt!“ Ja, wo leben wir? So schaffen wir das nicht. Da liegt viel Potential brach. Und die Leute werden morgen einfach gebraucht, ob das jetzt der aus Syrien ist oder der aus Hürth. Hier muss viel mehr vom Staat passieren, dass dieses Potential genutzt wird.

Herr Winkelhag, wie ich in unserem Gespräch nachvollziehen konnte, sind Sie bekannt dafür zu sagen, was Sache ist.

Das ist richtig. Ich bin vollkommen unabhängig.

Ist es das Geheimnis Ihres Erfolges, dass Sie unabhängig sind?

Das macht viel aus, ja. Ich brauche zur Not keine Rücksicht zu nehmen. Ich kann vieles anprangern. Man muss aber genau wissen, wo Schluss ist! Ich kann besser im Stillen reden, Hintergrundgespräche führen. So haben wir schon viel bewegen können. Wichtig ist immer dabei, dass du die Leute ernst nimmst und die auch das Gefühl haben, dass sie ernst genommen werden. Und das tun wir. Politik, Verwaltung und Wirtschaft können zum Wohle von Frechen viel bewegen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Winkelhag.

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