Internet per Glasfaser in Frechen: Unternehmer beklagen Lücken in der Breitbandversorgung

Breitbandatlas (Quelle: http://www.bmvi.de/DE/Themen/Digitales/Breitbandausbau/Breitbandatlas-Karte/start.html), Ausschnitt Frechen

Auf den Webseiten des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) ist der „Breitbandatlas“ für Deutschland abrufbar. Laut diesem sind in Frechen fast flächendeckend mehr als 95 Prozent aller privaten Haushalte „Leitungsgebunden“ mit Breitbandkapazitäten von mindestens 50 MBit/s versorgt, sprich: ans Glasfasernetz angeschlossen (Stand 09.08.2017).
Quelle: http://www.bmvi.de/DE/Themen/Digitales/Breitbandausbau/Breitbandatlas-Karte/start.html, Screenshot: S. Neumann

Flächendeckend gelb zeigt sich das Stadtgebiet von Frechen im so genannten „Breitbandatlas“ auf den Webseiten des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). Das bedeutet, dass in Frechen nahezu flächendeckend schnelles Internet verfügbar ist, mit Bandbreiten von 30 Mbit/s (Megabit pro Sekunde; im „Downstream“, also aus dem Netz zum Empfänger hin) und mehr.

Netcologne betreibt das Glasfasernetz in Frechen

Dafür sorgt das Glasfasernetz des Kölner Netzbetreibers Netcologne. Glasfaserkabel bilden das Rückgrat (Backbone) moderner Telekommunikationsnetze und gelten als das Datenübertragungsmedium der Zukunft. Nachdem Netcologne bereits das Gewerbegebiet Europapark an das eigene Glasfaser-Backbone angebunden hatte, wurden in 2015 und 2016 Glasfaserkabel im ganzen Stadtgebiet verlegt. „Mit den neuen Highspeed-Anschlüssen gehören lange Ladezeiten für die Frechener nun der Vergangenheit an“ meldete das Unternehmen zum offiziellen Abschluss der Ausbautätigkeiten im Juni 2016. „Dank des Einsatzes der Vectoring Technologie können die rund 21.000 Privathaushalte und zusätzlich 600 Firmen ab sofort mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 Mbit/s durchs World Wide Web surfen.“ Die Realität sieht anders aus.

Glasfaser nur bis zum grauen Schaltkasten

Dazu ein Blick auf die Technik: Die „Vectoring Technologie“ peppt sozusagen die Kupferleitungen des bestehenden Telekommunikationsnetzes für die Anbindung an Glasfaserkabel auf. Durch sie werden aus DSL-Anschlüssen mit 16 MBit/s VDSL-Anschlüsse mit bis zu 100 Mbit/s. Dass Netcologne beim Ausbau des Glasfasernetzes in Frechen auf diese Technologie gesetzt hat, bedeutet jedoch, dass die Glasfaserkabel nur bis zu den Kabelverzweigern in den grauen Schaltkästen am Straßenrand verlegt wurden. Von diesen Kabelverzweigern aus übertragen die alten verlegten Kupferleitungen der Deutschen Telekom die Daten über die so genannte „letzte Meile“ zu den Hausanschlüssen der Kunden. „Fibre-to-the-Curb“ (FTTC), also „Glasfaser bis zum Bordstein“, wird diese Netzarchitektur genannt. Weil die Kupferleitungen des Telekomnetzes bereits liegen und von der Deutschen Telekom vermietet werden, ist die FTTC-Architektur erheblich preiswerter als „Fibre-to-the-Building / Basement“ (FTTB), also „Glasfaser bis zum Gebäude“, bei der die Glasfaserkabel bis in das Gebäude verlegt werden.

Aufgerüsteter Kabelverzweiger in Bachem

Für den Glasfaseranschluss und Vectoring aus- und aufgerüsteter Kabelverzweiger in der Grachtenhofstraße in Frechen-Bachem.
Bild: S. Neumann

Ausgebremst auf der letzten Meile

Das Problem: Mit zunehmender Länge der Kupferleitung funktioniert Vectoring immer schlechter. Das ist auch in der Redaktion von Frechenschau.de in der Carl-Goerdeler-Straße in Frechen-Bachem zu spüren. Per Tarifvertrag mit Netcologne ist der Arbeitsplatz mit bis zu 50 Mbit/s ans Internet angeschlossen. Tatsächlich werden jedoch maximal 32 Mbit/s erreicht, meistens weniger. Auf Nachfrage antwortet die Pressestelle von Netcologne vergangen Montag mit einer Mail, deren Text zur Verdeutlichung des Problems hier in Auszügen veröffentlicht sei soll:

„Die Carl-Goerdeler-Straße ist aufgrund der letzten Meile tatsächlich gemischt versorgt. Die Hausnummern 1-16 werden über einen Kabelverzweiger in der Grachtenhofstraße (Hausnummer entfernt, A. d. Red.) versorgt, die Hausnummern 17-70 über einen Kabelverzweiger in der Gleueler Straße (…) und die Hausnummer 76-90 über die Rudolfstraße (…). Entsprechend unterschiedlich sind hier auch die nach dem Glasfaserausbau verbleibenden Kupfer-Leitungslängen bis in die einzelnen Haushalte. Ihr Gebäude gehört leider zum mittleren Teil, bei dem aufgrund der historischen Verschaltung die Leitungslänge rund 800 Meter beträgt – das ist ungewöhnlich, kann aber in jeder Stadt an einigen Haushalten vorkommen. Für den effektiven Einsatz der Vectoring Technologie ist diese Leistungslänge zu groß, weshalb Sie die höhere Geschwindigkeit nicht erreichen können. Leider haben wir auf dieses Stück Restleitung keinen Einfluss und mieten es nur an.“

Zu so genannten „Peak“- also Spitzen-Zeiten könne es außerdem zur Überlastung und zu Verbindungsstörungen kommen, wenn zu viele Anschlussteilnehmer gleichzeitig Bandbreiten ausreizten, erklärt Netcologne-Pressesprecherin Verena Gummich weitere Grenzen der Technik. Denn der Netzbetreiber halte an den Schaltkästen nur Bandbreiten-Kapazitäten vor, die sich an einem Mittelwert der genutzten Kapazitäten an dieser Stelle orientierten. Netcologne könne die vorgehaltenen Bandbreiten-Kapazitäten jedoch jederzeit anpassen, versichert die Pressesprecherin.

Flächendeckende Breitbandversorgung ist „gelogen“

Solche real existierenden Grenzen der Breitbandverfügbarkeit meint Markus Mölter, wenn er von einem „nicht messbaren Bereich“ spricht, der die Statistik von der flächendeckenden Breitbandversorgung in Frage stelle. Der Inhaber des Startup-Unternehmens MoSeven nahm vergangene Woche an einer Podiumsdiskussion beim traditionellen Jahresausklang im Stadtsaal teil, zu dem Bürgermeisterin Susanne Stupp und die städtische Wirtschaftsförderung Frechener Unternehmer und Wirtschaftsvertreter eingeladen hatten. Die an seinem Unternehmensstandort zur Verfügung gestellten Breitbandkapazitäten müsse er sich mit anderen Unternehmen teilen, stellte Markus Mölter zum Thema Breitbandverfügbarkeit in Frechen fest. Er erreiche statt 50 Mbit/s gesichert nur 8 Mbit/s. Die flächendeckende Breitbandversorgung in Frechen sei schlichtweg „gelogen“, die Statistik „irreführend“. Auch der Frechener Unternehmer und stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Aktivkreises Frechen, Niklas Geuer, stellte als Teilnehmer der Podiumsdiskussion die nahezu 100-prozentige Breitbandverfügbarkeit in Frechen in Frage, die die Wirtschaftsförderin Susanne Dettlaff zuvor verkündet hatte. In seinem Geschäft auf der Frechener Hauptstraße (immerhin die wichtigste Einkaufsmeile in Frechen, A. d. Red.) sei er mit unter 4 Mbit/s online unterwegs. Der Datenuplaod über eine gesicherte VPN-Verbindung sei noch langsamer: „Manchmal dauert es eine Minute, bis im Geschäft die Kasse aufgeht.“

Aktueller Breitbandatlas NRW/ Frechen

Auf der Internetplattform www.breitband.nrw.de des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie NRW ist die Breitbandversorgung von Frechen aktuell bereits mit zu 99,4 Prozent 50 MBit/s und mehr angegeben. Das Land NRW will eine flächendeckende Versorgung mit 50 MBit/s bis 2018 erreichen – ländliche Gebiete eingeschlossen.
Quelle: https://www.breitband.nrw.de/kommunale-karten/rhein-erft-kreis.html, Screenshot: S. Neumann

Glasfaserausbau muss weitergehen

Dabei ist die Verfügbarkeit von schnellem Internet Grundvoraussetzung und wichtiger Standortfaktor für die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftssicherheit des Wirtschaftsstandortes Frechen. Darüber war man sich auch bei der Jahresausklang-Veranstaltung einig, die unter der Überschrift „Frechen digital und kreativ“ stand und die „Digitalisierung“ zum Thema hatte. Leitungsgebundenes Highspeed-Internet können nur Glasfaserleitungen garantieren, die auch die letzte Meile überbrücken und bis zum Gebäude des Anschlussteilnehmers führen (FTTB). Oder – das sei hier der Vollständigkeit halber erwähnt – Kabelfernsehnetze, die jedoch nicht flächendeckend und kaum in Gewerbegebieten ausgebaut wurden. Die Kosten für die Verlegung von Glasfaserleitungen bis zum Gebäude übersteigen jedoch bei weitem die finanziellen Möglichkeiten von Unternehmen wie Seinem, erklärte Markus Mölter. Podiumsdiskussionsteilnehmer Sebastian Rölke vom „Breitbandbüro des Bundes“ empfahl Unternehmern wie Markus Mölter und Niklas Geuer, sich mit anderen Unternehmern zusammen zu tun und Förderungsoptionen auszuloten. Denn zur Förderung von Breitbandausbauprojekten gibt es Förderprogramme des Bundes und des Landes NRW sowie Darlehensprogramme der NRW.BANK oder allgemeine Kreditprogramme des Bundes für breitbandspezifische Fördergegenstände.

In diesem Zusammenhang mahnte Horst Winkelhag, der Vorsitzender der Interessenvereinigung Frechener Unternehmer, einen Digitalbeauftragten bei der Stadt Frechen als Ansprechpartner für die örtlichen Unternehmer an. Bürgermeisterin Susanne Stupp und die Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung Rhein-Erft GmbH Prof. Dr. Beate Braun, verwiesen daraufhin auf die gerade eingerichtete Stelle eines Breitbandkoordinators beim Rhein-Erft-Kreis, der den Kommunen beiseite stehen werde. Und die Bürgermeisterin freute sich, noch eine gute Nachricht verkünden zu können: Für eine solide Bestandsaufnahme und Beratungsleistungen in Sachen Breitbandausbau habe der Bund der Stadt gerade 50.000 Euro Fördermitteln bewilligt.

Fit für den Sturkturwandel – „Frechen digital und kreativ“

Die REload-Studie

REload – Zukunft Rhein-Erft-Kreis 2030“ lautet der Titel einer Studie zur Zukunft der Wirtschaft im Rhein-Erft-Kreis, mit der die Wirtschaftsförderung Rhein-Erft das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) beauftragt hat. Darin kommt das Beratungsunternehmen IW Consult zu dem Ergebnis, dass der Rhein-Erft-Kreis mit einer Vielzahl von Hochschulen und Forschungsinstituten in der Region eingebettet sei in ein starkes Innovationsumfeld, und seine Standortpolitik künftig darauf richten solle, die Innovationsaktivität weiter zu stärken. Dazu gehöre auch Fachkräfte anzuziehen und auszubilden und die Attraktivität des Wohnorts zu erhöhen.

Digitalisierung und Innovation, so Kernaussagen der Studie, seien wesentliche Voraussetzungen für die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftssicherheit des Wirtschaftsstandortes. „Jahrzehntelang wurde die Region maßgeblich von der Energiewirtschaft, der chemischen Industrie und der Logistikbranche geprägt. Künftig sollte sie verstärkt bestehende Potenziale im Bereich digitaler Technologien nutzen und sich zudem deutlich breiter aufstellen“, empfiehlt IW Consult. „Wer an Zukunftsthemen wie „Industrie 4.0″, bei der Menschen und Technologien miteinander vernetzt werden, partizipieren will, ist auf Netzwerke und Kooperationen angewiesen.“ Unter anderem empfiehlt die Studie die Einrichtung einer „Informations- und Innovationsbörse“ als Online-Plattform, über die sich Unternehmen und Forschungseinrichtungen vernetzen könnten. Und ein kreisweit getragenes Technologie- und Gründerzentrums könne die Innovationskraft der Region stärken und Fachkräfte anziehen.

Studie „Frechen digital“

Unter diesen Vorzeichen bemüht sich die Wirtschaftsförderung der Stadt Frechen um die Einrichtung von Business- und Gründerzentren in Frechen, wie jenes im Lekkerland-Gebäude an der Bonnstraße, das zum Jahresbeginn offiziell eröffnet werden soll. Außerdem hat sie das Institut der deutschen Wirtschaft Köln mit einer Studie mit dem Titel „Frechen digital“ beauftragt. Unter der Überschrift „Frechen digital und kreativ“ präsentierte Hanno Kempermann von IW Consult beim traditionellen Jahresausklang im Stadtsaal erste Erkenntnisse aus dieser Studie. Demnach bezeichnet sich bislang knapp ein Viertel von 124 Unternehmen, die an einer Befragung im Rahmen der Studie teilgenommen haben, als „digital affin“ (22,6 Prozent), mehr als Dreiviertel dagegen als „Nicht digital-affine Unternehmen“. Dabei schätzen sieben von zehn Frechener Unternehmen, dass sich die digitale Transformation (eher) positiv auf ihre Wettbewerbsfähigkeit auswirken werde, wobei sich die Digital-Affinen mit 93 Prozent da noch weitaus optimistischer zeigen.

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