„Es ist wirklich für jeden was dabei!“ – Interview zum Frechener Töpfermarkt

Interview im Keramion zum 43. Frechener Töpfermarkt

Im Vorfeld des 43. Frechener Töpfermarktes gaben Gudrun Schmidt-Esters, die Leiterin des Frechener Keramikmuseums Keramion, und ihre Stellvertreterin Christine Otto (r.) Frechenschau.de ein Interview im Keramion.
Bild: Susanne Neumann

Zahlreiche Keramikkünstler und Töpfer aus dem In- und Ausland präsentieren jedes Jahr im Mai ihre Werke auf dem Frechener Töpfermarkt. Veranstalter des Keramikmarktes, der als einer der bedeutendsten seiner Art in Deutschland gilt, ist das Keramikmuseum Keramion in Frechen. Museumsleiterin Gudrun Schmidt-Esters und ihre Stellvertreterin Christine Otto konzeptionieren und organisieren den Markt seit dem Jahr 2005. Im Interview mit Frechenschau.de erklärten sie, warum der Frechener Töpfermarkt ein Aushängeschild für die Stadt ist.

Frechenschau.de: Wir trinken hier aus sehr schönen Tassen, die sind vom Töpfermarkt, oder?

G. Schmidt-Esters: Ja. Die sind von Marlen Schulze. Das ist eine junge Keramikerin aus Höhr-Grenzhausen, die allerdings gerade nach Norddeutschland zieht und wegen des Umzugs in diesem Jahr leider nicht auf dem Frechener Töpfermarkt sein kann.

Kommen viele Keramiker jedes Jahr wieder zum Töpfermarkt?

G. Schmidt-Esters: Ja, etliche!

Ch. Otto: Ich würde sagen, 80 Prozent bewerben sich jedes Jahr wieder.
Und wenn sie mal nicht kommen, zum Beispiel, weil der Termin nicht passt, dann sagen sie schon in dem Jahr davor Bescheid. Also die Keramiker melden sich wirklich ab!

Warum kommen sie denn so gerne?

Ch. Otto: Wir sind toll! (Beide lachen.) Der Markt ist einfach klasse!

G. Schmidt-Esters: Der Frechener Keramikmarkt ist einer der wichtigsten in Deutschland, nach dem in Oldenburg und dem in Dießen. Die Keramiker kommen auch immer gerne zum Töpfertreff, zu dem die Stadt Frechen samstagsabends einlädt. Da kennt man sich untereinander und da findet ein ganz reger Austausch statt. Wir haben beim Frechener Töpfermarkt immer um die 120 Teilnehmer, die Zahl ist so der Richtwert.

Und wie viele Keramiker bewerben sich jedes Jahr für einen Standplatz?

G. Schmidt-Esters: Im Augenblich sind es etwa 250 bis 300.

Nach welchen Kriterien wählen sie die Teilnehmer aus?

Ch. Otto: Die Qualität ist ein eindeutiges Merkmal …

G. Schmidt-Esters: … und Professionalität …

Ch. Otto: Es gibt keine Hobbykeramiker oder Laien auf dem Töpfermarkt. Wir möchten auch ein Ausbildungs- oder Studiennachweis haben. Wir schauen auf Vielfalt und Ideenreichtum. In diesem Jahr haben wir zum Beispiel zum ersten Mal jemanden, der Backformen bringt. Die Auswahl muss stimmen und die Art und Weise, wie eine Keramik hergestellt wird.

G. Schmidt-Esters: Es ist wichtig, dass man auch wirklich unterschiedliche  Keramiken zeigen kann, verschiedene Brenntechniken, verschiedene Motive …

Ch. Otto: Das geht vom Brunnen, den man sich in den Garten stellt, bis hin zum Ohrring. Diese Spannbreite abzudecken, ist immer eine schöne Herausforderung.

G. Schmidt-Esters: Wir versuchen, ein gutes Verhältnis zu erhalten zwischen den Keramikern, die jedes Jahr kommen, und den Neuen. Es ist wichtig, dass man immer so 20 Prozent Neue nimmt. Wir lassen auch manche Keramiker mal ein Jahr aussetzen, wenn sie sonst jedes Jahr dabei sind. Das kann man denen ja auch nett vermitteln. Und im nächsten Jahr sind sie wieder dabei.

Ch. Otto: Und das Ausland wird immer attraktiver: Niederländer waren immer schon da, aber auch viele Spanier entdecken den Markt, Italiener, Engländer …

Farbenfrohe Keramiken aus den Niederlanden beim 42. Frechener Töpfermarkt

Farbenfrohe Figuren aus den Niederlanden: Der Stand von Sarah Michael aus De Zilk beim 42. Frechener Töpfermarkt (2017).
Bild: S. Neumann

Gibt es ein Land, dass eine besonders lebendige Keramikszene hat?

G. Schmidt-Esters: Die Niederländer sind sehr lebendig. Die fallen von ihrem Angebot her auch immer sehr auf.

Inwiefern?

G. Schmidt-Esters: Die Niederländer zeigen farbenfrohere Arbeiten. Und sie machen viel Figürliches. Das ist komischerweise bei den Deutschen gar nicht so angesagt, zumindest nicht bei den Marktteilnehmern. Da herrscht schon das Funktionale vor, die Gebrauchskeramik, oder eben Unikat-Keramik.

Gibt es etwas, das man als Besucher wirklich wissen sollte, um nicht als der totale Laie dazustehen?

Ch. Otto: Porzellan ist auch Keramik.

Könnten Sie das für den Laien kurz näher erläutern?

G. Schmidt-Esters: Keramik ist der Oberbegriff und Porzellan ist einfach …

Ch. Otto: … eine Keramikart. Die hat eine andere Zusammensetzung als zum Beispiel Steinzeug, gehört aber zur Obergattung Keramik.

G. Schmidt-Esters: Aber das weiß wirklich nicht jeder. Man denkt immer, Porzellan sei das Feine, Edle, und Keramik das Braun-Beige, Schwere. Das finde ich auch verzeihlich. Dafür finde ich es immer schade, wenn Menschen aufgrund ihrer mangelnden Vorstellung davon, wieviel Arbeit die Produktion so eines Stückes macht, sich über die Preise wundern. Wenn eine Tasse 20 Euro kostet und man denkt dann ‚Na, bei IKEA kostet sie
6,50 Euro‘, dann tut mir das immer ein bisschen leid. Deshalb machen wir auch Führungen, damit man wirklich erfährt, wie viele Arbeitsschritte nötig sind, um so eine Keramik zu produzieren. Wenn einem dann bewusst wird, dass ein Töpfer vielleicht einen Stundenlohn von 5 Euro hat, sieht das immer ein bisschen anders aus.

Ch. Otto: Also, wenn Sie sich eine Tasse anschauen, die handgemacht ist, auf der Töpferscheibe gedreht, wie viele Arbeitsschritte da drin stecken, wie viele Brennprozesse, Glasurprozesse … Dann hat diese Tasse schon sehr viel erlebt, bevor sie überhaupt heil aus dem Ofen kommt …

Im Interview zum Frechener Töpfermarkt erklärt die Leiterin des Keramion, Gudrun schmidt-Esters, wieviel Arbeit die Produktion einer hochwertigen Tasse macht.

Anhand einer Tasse von Marlen Schulze erklärt Gudrun Schmidt-Esters, wie viel Arbeit so eine Keramik macht.
Bild: S. Neumann

 

G. Schmidt-Esters: (nimmt eine der Tassen vom Tisch in die Hand) Wenn Sie sich hier diese Tasse ansehen: Sie ist aus rotem Ton gedreht. Der Ton muss erstmal aufbereitet werden, damit man ihndrehen kann. Nach dem Drehen wird der Henkel geformt, dann angesetzt. Dann wird das Ganze getrocknet, dann erst gebrannt, zunächst als Schrühbrand (Rohbrand, A.d.R.). Dann … ja das ist jetzt eine gute Frage … ich würde sagen, dann hat die Küntslerin die beige Engobe draufgegeben, wahrscheinlich getaucht, und hier (zeigt auf eine Stelle) hat sie dann mit dem Pinsel die Engobe nochmal nachgetupft.

Was ist Engobe?

G. Schmidt-Esters: Ein Tonschlicker …

Das verstehen die Leser vielleicht auch nicht …

G. Schmidt-Esters: Flüssiger, ganz wässriger Ton …

Ch. Otto: … eingefärbt.

G. Schmidt-Esters: Das gilt für die Außenseite. Dann ist innen aber ein andersfarbiger Tonschlicker aufgetragen – das sind ja auch wieder zwei verschiedene Arbeitsgänge. Und dann müssen die Farben hier akkurat voneinander abgesetzt werden (fährt mit dem Zeigefinger an der Linie zwischen zwei unterschiedlich farbigen Flächen entlang). Das wird die Keramikerin mit einer Schablone machen. Wenn Sie genau gucken, sehen Sie hier, dass die Punkte auf der Linie bis auf den Scherben durchgehen. Das heißt, die Keramikerin ist mit irgendeinem Rädchen oder so etwas Ähnlichem hier reingefahren und hat diese Punktstruktur erzeugt. Und dann hat sie mit Glasur noch diese Pünktchen aufgetragen (zeigt auf gepunktete Verzierungen). Da sehen Sie, dass jeder Punkt anders ist, das heißt, sie hat jeden Punkt mit einem Pinsel raufgesetzt. Das Ganze wird dann nochmal transparent glasiert. Und dann wird’s nochmal hochgebrannt. Das sind die viele Arbeitsschritte – und wahrscheinlich habe ich noch einen vergessen -, bis so eine Tasse fertig ist. Und wenn die dann 20 Euro kostet, ja, mal ehrlich …

Ch. Otto: Auf einmal sieht man eine Tasse mit anderen Augen, nicht wahr?
Man sieht nur die Dinge, die man weiß. Wir bieten Samstag und Sonntag um
14 Uhr eine Führung über den Markt an, da wird das Auge natürlich geschult. Wir suchen uns Stände aus, um wirklich verschiedene Keramikarten, Macharten, Brenntechniken am Unikat, am Original darzustellen. Und die Keramiker sind sehr gerne bereit, Fragen zu beantworten.

Fritz Roßmann auf dem 42. Frechener Töpfermarkt

Hochwertige Gebrauchskeramik: Fritz Roßmann präsentiert seine Geschirrteile aus Porzellan auch auf dem 42. Frechener Töpfermarkt und erklärte den Teilnehmern an einer Führung seine Arbeiten.
Bild: S. Neumann

Also man kriegt nicht nur Kunst, sondern auch hochwertige Gebrauchskeramik auf dem Töpfermarkt.

G. Schmidt-Esters: Ja. Und man bekommt sein persönliches Stück, was man für sich selber aussucht. Jede Tasse, auch von nur einer Künstlerin, liegt anders in der Hand, weil sie individuell gemacht wurde.

Ich kaufe auch immer auf dem Töpfermarkt ein. Zu Hause habe ich einen offenen Schrank, da stehen dann die unterschiedlichen Keramiken drin. Und jeden Morgen stehe ich davor und denke: ‚So, welche Tasse nehme ich, welchen Teller …‘, das ist jeden Morgen eine kreative Entscheidung.

Ich habe letztes Jahr Dessertteller von Lisa Ruland gekauft, von der auch die ‚Schuhvase‘ auf dem letztjährigen Töpfermarktplakat war. Ich muss sagen, ich habe mich seitdem kaum getraut, die Teller zu benutzen …

G. Schmidt-Esters: Aber es geht wirklich nicht so schnell kaputt! Die sind relativ kräftig. Und Sie können die Keramiken auch in die Spülmaschine packen!

Ch. Otto: Ich kaufe jedes Jahr für meine drei Patenkinder etwas auf dem Töpfermarkt und jede Mutter sagt immer: ‚Nein! Viel zu schade!‘ Aber ich sag: ‚Jedes Jahr ist Töpfermarkt, alle Keramiker wollen leben und wenn etwas kaputt geht, dann ist das so, dann holen wir was Neues.‘

Sie werben nicht nur für den Töpfermarkt, sondern für „keramische Erlebnistage“, das heißt?

Ch. Otto: Man kann an dem Wochenende hier in Frechen Keramik wirklich erleben! Wir bieten nicht nur die Führungen sondern auch ein museumspädagogisches Begleitprogramm zum Töpfermarkt an, gerade auch für Kinder. Am Samstag kann in diesem Jahr zum Beispiel an fünf Scheiben getöpfert werden.

G. Schmidt-Esters: Am Sonntag haben wir hier im Keramion seit einigen Jahren immer eine Ausstellungseröffnung. Bis zum letzten Jahr veranstalteten wir parallel auch noch die Sammlerbörse. Die haben wir in diesem Jahr aber in den Februar gelegt, um die Situation etwas zu entzerren.

Der Töpfermarkt ist in der Innenstadt, das Keramion am Stadtrand. Ist die Entfernung zwischen den beiden Veranstaltungsstätten kein Problem? In den vergangenen Jahren hatten Sie mal Shuttlebusse eingesetzt …

G. Schmidt-Esters: Das haben wir mehrerer Jahre gemacht, aber der Shuttlebus wurde einfach nicht nachgefragt. Die Leute pendeln lieber mit dem eigenen Auto oder mit dem Rad zwischen dem Keramion und der Innenstadt hin und her.

Und die finden auch den Weg?

G. Schmidt-Esters: Also die kommen, (schmunzelt) jedenfalls haben wir ein verstärktes Besuchsaufkommen.

Ch. Otto: Im Flyer haben wir auch eine Wegbeschreibung.

Keramikfiguren von Aare Freimann aus Estland beim 42. Frechener Töpfermarkt.

Die skurrilen Figuren von Aare Freimann aus Estland waren schon auf dem Frechener Töpfermarkt im vergangenen Jahr ein Hingucker.
Bild: S. Neumann

Was bedeutet der Töpfermarkt für Frechen?

G. Schmidt-Esters: Dieser Töpfermarkt ist schon als Institution zu bezeichnen. Er wurde
1977 das erste Mal in der Tradition der Frechener Töpferei durchgeführt. Er ist schnell gewachsen und hat sich immer stärker auch ausländischen Keramikern geöffnet. Wir haben Teilnehmer von Estland bis Spanien. Ich denke, dass dieser Markt einfach ein ganz positiver Botschafter für Frechen ist, dass wirklich in der Keramikszene viele Menschen sehr positiv über Frechen denken. Er ist schon ein keramisches Aushängeschild. Wie das Keramion auch. Und wir versuchen natürlich auch gute Werbung zu machen, damit man nicht nur die Keramikaffinen nach Frechen lockt, sondern überhaupt Menschen, die sich für schöne Dinge interessieren.

Letztes Jahr gab es einen verkaufsoffenen Sonntag zum Töpfermarkt, dieses Jahr nicht …

G. Schmidt-Esters: Genau. Das hat sich so ergeben, weil es genug andere Gelegenheiten für verkaufsoffene Sonntage gibt. Aber wir finden auch gut, dass das Interesse auf die keramische Veranstaltung fokussiert wird. Am Anfang war der Töpfermarkt mehr ein Volksfest. Irgendwann wurde dann das Karussell abgeschafft, dann der Bierstand. Und der Stand mit Popcorn gefiel den Keramiker auch nicht so gut. Wir haben den Markt immer mehr der Zeit angepasst, ihn also immer keramischer werden lassen. Ich glaube, das entspricht den Bedürfnissen, auch die Keramikkonsumenten sind andere geworden.

Bratwurst gibt es auch nicht …

G. Schmidt-Esters: Nein. Aber Reibekuchen, die sind auch lecker.

Ch. Otto: Wir haben zwei Imbissstände, die von Frechener Vereinen bespielt werden. Und zwei Gastronomen an der Antoniterstraße haben wir gewinnen können, das Eiscafé und die Bioelsa. Und das Coffee-Bike ist auch dieses Jahr wieder dabei.

G. Schmidt-Esters: Wir sehen uns schon … in ‚Konkurrenz‘ ist der falsche Ausdruck … im Vergleich zu den anderen großen Töpfermärkten in Deutschland. Wir kennen den von Dießen und wir kennen den von Oldenburg und da liegt die Latte hoch. Da versuchen wir natürlich auch gleichzuziehen. Trotzdem verlieren wir unser Publikum nicht aus den Augen. Es ist wirklich für jeden auf dem Frechener Töpfermarkt was dabei. Es ist nicht so, dass die Sachen nur teuer wären. Wenn wir nicht an das Publikum denken würden, hätten auch die Keramiker nichts davon.

Vielen Dank für das Gespräch und Ihre Zeit!

(Das Interview wurde von S. Neumann bearbeitet und von den beiden Interviewpartnerinnen autorisiert.)

Der 43. Frechener Töpfermarkt ist am Samstag, den 26. Mai, von 10 bis 18 Uhr und am  Sonntag, den 27. Mai, von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Im Keramion eröffnet am Sonntag, den 27. Mai, um 11.30 Uhr die Ausstellung „Luca Lanzi – Malìa“, der Eintritt ins Keramion ist dann bis 14 Uhr frei.

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