„Als Künstler empfinde ich Frechen als Herausforderung“

 

Rose Schreiber am Küchentisch im Künstlerhaus

Auch am Küchentisch kann Rose Schreiber arbeiten.
Foto: Susanne Neumann

Für ein Foto nimmt Rose Schreiber mit ihrem Schnitzwerk am Küchentisch platz und beginnt zu arbeiten. Augenblicklich wird es ganz still im Raum. Nur das vereinzelte Klacken der Spiegelreflexkamera ist zu hören. Rose Schreiber scheint das nicht zu stören. Ganz versunken ist sie in das, was sie tut. Konzentriert und mit ruhiger Hand bearbeitet sie mit dem Skalpell in ihrer Rechten die winzige menschliche Figur aus Zedernholz in ihrer Linken, während sie fotografiert wird. Ihr Mann, der Maler Michael Mayr, steht etwas abseits am Fenster und betrachtet seine Frau dabei. Als sie nach kaum zwei Minuten des schweigenden Arbeitens angesprochen wird, braucht Rose Schreiber einen Moment, bis sie reagiert – so als sei sie gerade ganz woanders gewesen. „Wenn ich schnitze, schnitze ich“, erklärt sie sich. „So unruhig ich sein kann … beim Schnitzen bin ich ganz ruhig.“ Michael Mayr nickt und lächelt. Er kennt das wohl.

Gemeinsame Werkreihen

Ein bisschen Ruhe und Abschalten tut dem Künstler- und Ehepaar gerade ganz gut. In den letzten Monaten haben die beiden viel gearbeitet. Für ihre gemeinsame Ausstellung „im Wesentlichen“, die am 9. September in der Kreishausgalerie in Bergheim eröffnet wurde und noch bis zum 31. Oktober zu sehen ist, haben sie ihre gemeinsamen Werkreihen ergänzt. Ihr künstlerisches Konzept: Die abstrakten Gemälde des gelernten Theatermalers Michael Mayr, fotografische Bildausschnitte oder auch Materialien wie jenes Hirnholz mit Resten von Estrich, das der alte Boden einer Schulaula lieferte, sind die Kulissen, in denen die zarten Holzfiguren von Rose Schreiber ihren Platz finden. Meist wird ein augenfälliges Detail im Bild – ein Schatten zum Beispiel oder ein Bruch im Material – zum Bestimmungsort einer Figurine. Dadurch wird es betont und eine neue Bildaussage entsteht.

„biomorph“ (Zeder, Acryl, Kohle auf Leinwand, H 90 cm, B 170 cm) - Rose Schreiber + Michael Mayr

Das erste Gemeinschaftsbild des Künstlerpaares entstand im Jahr 2002 und trägt den Titel „biomorph“ ((Zeder, Acryl, Kohle auf Leinwand, H 90 cm, B 170 cm) ). In dem großen Triptychon tauchen erstmals Figurinen von Rose Schreiber in einem abstrakten Gemälde von Michael Mayr auf.
Foto: Michael Mayr

Wohnen im Künstlerhaus

Nun stehen in Frechen die 27. Offenen Ateliertage am 27. und 28. Oktober bevor und natürlich wollen auch Rose Schreiber und Michael Mayr wieder ihr Haus in der Heinrichstraße in Frechen für interessierte Besucher öffnen. Im Moment ist es in ihrem Heim, das sie „Das Künstlerhaus“ nennen, jedoch noch etwas enger als sonst: An den Wänden und auf der Treppe im Flur stehen und stapeln sich Leinwände, Kisten und Kästchen und allerlei Unterlagen. Ende letzten Jahres mussten die beiden Künstler ihr großes Atelier in der ehemaligen Backstube der altbekannten Bäckerei Schneider gegenüber räumen, weil das Haus verkauft wurde. Die Rauminstallation „wortlos schildern“ aus 62 Gemeinschaftsarbeiten, die bis Oktober 2017 in der evangelischen Kirche in Frechen zu sehen war und nun den Mittelpunkt der Ausstellung im Kreishaus in Bergheim bildet, ist noch im Backstubenatelier entstanden. Für größere Bildformate steht nun ein Malatelier im Bergischen zur Verfügung.

Kleinere Arbeiten entstehen im Künstlerhaus. „Hier ist alles Atelier“, bemerkt Rose Schreiber und blickt sich um: Das Erdgeschoss mit seinem zum Flur und Treppenhaus hin offenen Wohnraum dient als Ausstellungs- und Veranstaltungsraum, als Werkstatt und Büro. „Ich bin froh, wenn wir wieder unsere Ordnung haben.“

Atelier im Künstlerhaus - Rose Schreiber + Michael Mayr

Ausstellungs- und Veranstaltungsraum, Werkstatt und Büro in Einem: Leben im Künstlerhaus.
Foto: Susanne Neumann

 

 

Büro im Künstlerhaus - Rose Schreiber + Michael Mayr

Das Erdgeschoss mit seinem zum Flur und Treppenhaus hin offenen Wohnraum dient auch als Büro.
Foto: Susanne Neumann

„Raues Pflaster“ für Künstler

Seit knapp 20 Jahren leben und arbeiten die Ehepartner in diesem Haus. Im Jahr 1992, als sie noch gar nicht hier sondern in Köln wohnten, hatten die beiden in Frechen geheiratet. „Weil wir das alte Rathaus so schön fanden“, erzählen sie. 1996 zogen sie nach Frechen – zunächst in eine Wohnung in Hücheln, dann in die Vellbrückstraße, wo Bildhauerkurse im Garten stattfanden. 1999 kauften sie schließlich ihr Haus in der ruhigen Wohnstraße mitten in der Stadt. Die Nachbarn hätten mit dem Künstlerpaar zunächst nicht so viel anfangen können, erinnern sich die beiden. „Ich weiß noch, wie ich hier drinnen mit der ‚Hilti‘ in der Hand gearbeitet habe‘ und draußen vor dem Fenster standen vier Männer und haben gelästert“, erzählt Rose Schreiber lachend und zitiert die Männer: „Is‘ dat ne Frau oder’n Kerl?“ Mit der Zeit und vor allem, weil das Künstlerpaar immer eine offene Tür hatte, habe sich jedoch ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis entwickelt. „Frechen ist ein raues Pflaster“, sinnt Michael Mayr, „eine Arbeiterstadt, die geprägt ist von Maloche und nicht vom Bildungsbürgertum. Als Künstler empfinde ich Frechen als Herausforderung.“

Frechen im Spiegel

So haben sich die beiden der Stadt, in der sie leben, immer auch künstlerisch genähert – und neu „verortet“, wie sie das beschreiben. Ihre Werkreihe „gewesen sein“ nahm im Jahr 2007 ihren Anfang in der Grube Carl, wo sie ausschnitthaft bestimmte Ansichten von Fassaden der leer stehenden, verfallenden Industrieanlagen und Gebäude, Container oder Verschalungen fotografierten. Solche Fotografien liefern die Hintergründe für die noch immer fortgeführte Werkreihe.

Rose Schreiber + Michael Mayr und im Spiegel Frechen 2014

Verortung im Spiegelbild: Figurine von Rose Schreiber in einem fotografierten Verkehrsspiegel in Frechen.
Foto: Rose Schreiber

Unter dem Label „FrechenKunstvorOrt“ widmet das Künstlerpaar seiner Heimatstadt eine ganze Werkgruppe. Ihre Werkreihe „und im Spiegel“ gehört dazu. Für die Werkreihe macht sich das Paar auf die Suche nach Verkehrsspiegeln auf Frechener Stadtgebiet, um die Abbilder der Umgebung darin vom Spiegel selbst abzufotografieren: Ein Stück vom Wohnhaus des verstorbenen Frechener Bildhauers Olaf Höhnen zum Beispie oder ein Teil vom Parkhaus Josefstraße. „Da haben wir ganz neue Bildwelten entdeckt“, erklärt Michael Mayr das Entstehen dieser Werke. Die Fotografie der gespiegelten Realität im Verkehrsspiegel, der sie durch seine gewölbte Form noch verzerrt, eröffne einen Blickwinkel auf Surreales. „Da begegnet man der Stadt, in der man lebt, wieder ganz neu“, erklärt Rose Schreiber. Auch in dieser vorgefundenen Wirklichkeit nehmen ihre Figurinen einen festen Platz ein.

Der Bartmann als art-bart-card

Von Anfang an fasziniert waren Rose Schreiber und Michael Mayr vom Bartmannkrug. Traditionsgemäß bekam das frisch vermählte Paar von der Stadt Frechen einen zur Hochzeit geschenkt – und begann sich sogleich für die Erfolgsgeschichte des Frechener Exportschlagers zu interessieren. Seit 2010 gibt das Künstlerpaar jedes Jahr eine „art-bart-card“ heraus – auf eigene Kosten und in einer Auflage von 1000 Stück. Sie zeigt den Bartmann als Motiv ihrer mal augenzwinkernden, mal tiefsinnigen und immer spielerischen Auseinandersetzung – im Jahr 2010 zum Beispiel als „herzzerreißende Weihnachtsbeleuchtung“ (Zitat Michael Mayr). Im Jahr 2012 wurde der Bartmann rasiert, „um zu sehen, was dahinter ist“, erklärt Rose Schreiber die Idee. Und ein handelsübliches Grablicht wurde unter dem Titel „Bartmannbrenner viva!“ die art-bart-card des Jahres 2017. Die Grabkerze hatte Michael Mayr in München gekauft, als er das Grab seines Vaters dort besuchen wollte. Zufällig fiel sein Blick auf den Herstellernachweis. So entdeckte er, dass das Licht mit der Bezeichnung „Vivere“ in Frechen produziert wurde, was ihn auf die Idee brachte. Michael Mayr: „Es ist eine kreative Spielerei, mit der man sich die Stadt zu eigen macht.“

art-bart-card 2010-2017 Rose Schreiber + Michael Mayr

Seit 2010 gibt das Künstlerpaar jedes Jahr und auf eigene Kosten eine Kunstpostkarte mit Bartmann-Motiven heraus, die „art-bart-card“.
Foto/Arrangement: Susanne Neumann

Pünktlich zu den offenen Ateliertagen haben Rose Schreiber und Michael Mayr nun die art-bart-card des Jahres 2018 herausgebracht – und eigentlich ist sie erstmals gar keine. Denn kein Bartmann sondern ein Muster von gestapelten Steinzeug-Rohren hinter Gittern sind das Motiv des Jahres. Der Titel „Ausgemustert“ komplettiert die Anspielung: Jüngst wurde der letzte Standort einer Steinzeugfabrik in Frechen, der Steinzeug Keramo GmbH, aufgegeben – wie vor ein paar Jahren der letzte professionelle Töpfer von Frechen, Manfred Zimmermann, aufgab, und mit ihm die Herstellung der Bartmannkrüge in der Stadt endete.

art-bart-card 2018 Ausgemustert - Rose Schreiber + Michael Mayr

Die diesjährige art-bart-card „AUSGEMUSTERT“ dient auch als Einladung in „Das Künstlerhaus“ in der Heinrichstraße 18 in Frechen am Sonntag, den 28. Oktober zwischen 11 und 18 Uhr – im Rahmen der 27. Offenen Ateliertage.
Foto: Rose Schreiber und Michael Mayr

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