Keramikpreis 2018 – 1701 Rezepte für Rot und andere Versuche

Installation von Lena Kaapke in der Ausstellung zum Frechener Keramikpreis 2018 im Keramion

Preisträgerin Lena Kaapke aus Kiel vor ihrer Installation „Rot II“, 2017
Foto: Susanne Neumann

Drei Jahre lang hat Lena Kaapke Rezepte für Rot ausprobiert. Genauer gesagt: Rezepturen für rote Keramik-Glasuren – und zwar nicht weniger als 1701. Ihre Versuche hat die Absolventin der Kieler Muthesius Kunsthochschule in Zahlen aus Porzellan dokumentiert. Jede der zerbrechlich wirkenden, handgeschriebenen Zahlen-Objekte, die zurzeit im Keramion auf schmalen Wandleisten in mehreren Reihen untereinander aufgestellt sind, ist das Ergebnis einer Rezeptur. Die Idee sei gewesen, eine Art Farbfächer zu erschaffen, mit der Keramiker arbeiten können, erzählt die Künstlerin am vergangenen Sonntag bei der Eröffnung der Ausstellung zum Frechener Keramikpreis 2018 im Keramion.

Künstlerische Dokumentation von Fehlversuchen

Ihre dreistelligen Zahlen-Objekte an der Wand hinter ihr sind nach Helligkeit geordnet, die Glasuren führen von verschiedenen Weißtönen zu dunklen bis vermeintlich schwarzen Nuancen. Einzelne Zahlen wiederholen sich, denn aufgrund verschiedener Parameter wie Auftragsstärke der Glasuren oder Brenntemperatur kann eine Rezeptur ganz unterschiedliche Ergebnisse erzielen. Nur: Keine einzige der Zahlen, die Lena Kaapke auf den Wandleisten im Keramion aufgereiht hat, ist rot!? Die Erklärung: Ihre Installation mit dem Titel „Rot II“ ist gewissermaßen die Dokumentation ihrer Fehlversuche, das heißt der Arbeitsgänge, bei denen sich – aus welchen Gründen auch immer – kein Rot einstellen wollte. Für die Installation „Rot I“ aus sämtlichen rötlichen Zahlen, die also gleichsam die gelungenen Versuche dokumentieren, wäre im Keramion kein Platz gewesen. Man kann sie aber auf einem Bild in einem kleinen Bändchen bewundern, dass neben der Installation „Rot II“ an der Wand hängt.

Keramikpreis für fünf Künstlerinnen und Künstler

Lena Kaapke ist eine von vier Preisträgerinnen und Preisträgern des Keramikpreises 2018. Die Jury aus der Galeristin Jutta Idelmann aus Gelsenkirchen, der Leiterin Bildende Kunst vom Stadtmuseum Oldenburg Dr. Sabine Isensee, der Künstlerin Doris Kaiser aus Frechen-Grefrath, dem Kunsthistoriker Dr. Peter Lodermeyer aus Bonn und der Sammlerin Hannelore Seiffert aus Schiffweiler zeichneten sie und das Künstlerduo Viola Relle & Raphel Weilguni, beide Absolventen der Akademie der Bildenden Künste München, mit jeweils 1.500 € aus. Der dritte Preis von 1.500 € ging zu gleichen Teilen an Jantje Almstedt, Absolventin der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, und David Rauer, Absolvent der Kunstakademie Münster.

Preisträger David Rauer bei der Ausstellungseröffnung zum Frechener Keramikpreis 2018 im Keramion

Preisträger David Rauer (l.) aus Osnabrück hat eine seiner Plastiken aus seiner Objektgruppe „Keramistasie“, 2017, auf ein lackiertes und mit Teppich belegtes Holzpodest gehoben.
Foto: Susanne Neumann

 

Kinetische Installation von Jantje Almstedt in der Ausstellung zum Frechener Keramikpreis 2018 im Keramion

Preisträgerin Jantje Almstedt (l.) betätigt ihr „Fragmentarisches Ballett“, 2017. Statement der Jury: „Mit spielerischer Abgründigkeit lässt Jantje Almstedt rosarote Mädchenträume platzen. (…) Die Künstlerin thematisiert hier nicht die ästhetische Anmut des Ballett-Tanzes, sondern den körperlichen Verschleiß, den diese Sportart herbeiführen kann. (…)“
Foto: Susanne Neumann

 

Preisträger Viola Relle und Raphael Weilguni in der Ausstellung zum Frechener Keramikpreis 2018 im Keramion

Preisträger: das Künstlerpaar Viola Relle und Raphael Weilguni aus München mit der Gemeinschaftsarbeit „Selber (Indianer)“, 2017
Foto: Susanne Neumann

Seit 1972 verleiht die Frechener Kulturstiftung den Keramikpreis im Dreijahresrhythmus. Der keramische Förderpreis richtet sich an junge Kunstschaffende bis zu einem Alter von 35 Jahren, die ihre Tätigkeit in Deutschland ausüben. Bereits im Februar 2018 hatte eine Vorjury aus insgesamt 40 Bewerbungen die Teilnehmer des diesjährigen Wettbewerbs ausgewählt: 13 Künstler und Künstlerinnen und ein Künstlerduo – allesamt Studenten oder Absolventen von Akademien sowie Fachhochschulen aus dem gesamten Bundesgebiet. Es sind Jantje Almstedt, Anna Badur, Sarah Bartmann, In Jung, Lena Kaapke, Katrin Kliemann, Anna Dorothea Klug, Jinhwi Lee, Susann Paduch, Laura A. Pöhlmann, Sarah Pschorn, David Rauer, Angelika Rauf und das Künstlerduo Viola Relle und Raphael Weilguni.

Entdeckungstour durch die junge keramische Kunst in Deutschland

Die Arbeiten der 14 Wettbewerbsteilnehmer sind nun in der Ausstellung zum Keramikpreis 2018 zu sehen, die gleichzeitig mit der offiziellen Preisverleihung im Keramion eröffnet wurde. Sie lädt die Besucher ein, die junge keramische Kunst in Deutschland zu entdecken, Tendenzen aufzuspüren und die facettenreiche Vielfalt der Themen und künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Material zu erkunden. Der Katalog zur Ausstellung enthält die ausführlichen Statements der Jury zu den ausgestellten Arbeiten aller Künstlerinnen und Künstlern und erleichtert damit den Zugang auch zu den abstrakteren Werken.

Exponate von Sarah Bartmann im Keramion in der Ausstellung zum Keramikpreis 2018

Sarah Bartmann, „Pojechali! – auf geht’s! Auf Wiedersehen, bis bald, liebe Freunde“, 2017″. „Könnten die Plastiken nicht ohne Weiteres den Requisiten von Science-Fiction-Filmen wie Tarkowskis S.T.A.L.K.E.R oder Endzeitfilmen wie der Mad-Max-Reihe entstammen?“, fragt die Jury und antwortet: „Ja und Nein, denn Sarah Bartmann begegnet diesen düsteren Beschreibungen von Leben und Verfall mit deutlich mehr Heiterkeit, Experimentierfreude und Neugierde auf das (ferne) Leben.“
Foto: Susanne Neumann

 

Plastiken von Preisträgerin Jantje Almstedt in der Ausstellung zum Frechener Keramikpreis 2018 im Keramion

Jantje Almstedt, „Möglichkeitshaufen“, 2018. „Monumentale farbenfrohe Keramikwesen, die archaisch zwischen Mensch, Tier und Objekt changieren, sind brachial mit industriell hergestellten Materialien kombiniert“, erklärt die Jury. „Spitze Messingschrauben halten die Tonkörper zusammen, ein riesiges gelbes Drainagerohr durchbohrt eine Figur, und das Reitergespann wird von einem rotem Plastikkissen gestützt. Überaus reizvoll wird hier ein künstlerischer Bogen von vergangenen Mythen über Klassische Moderne bis zur aktuellen Popkultur gezogen.“
Foto: Susanne Neumann

 

Gefäße von Sarah Pschorn in der Ausstellung zum Frechener Keramikpreis 2018 im Keramion

„Die Heimatstadt Dresden verbindet Sarah Pschorn mit dem Stil des Barock“, stellt die Jury fest. „Ein wenig sentimental, aber vor allem mit Respekt blickt die junge Künstlerin auf die vergangene Epoche zurück, die sie zu ihren künstlerischen Werken inspiriert. Die Bildsprache des Barock kontrastiert sie jedoch mit ironischen Anleihen aus der zeitgenössischen Popkultur und verortet auf diese Weise ihre kraftvollen Prunkgefäße eindeutig im Hier und Jetzt..“ Sarah Pschorn, „Don’t go“, 2018, „Like a Prayer I“, 2017, „Like a Pryer II“, 2017.
Foto: Susanne Neumann

 

Steinzeug-Gefäße von Katrin Kliemann auf der Ausstellung zum Frechener Keramikpreis 2018 im Keramion

Katrin Kliemann, „Gefäß vier“, 2017, „Gefäß sieben“, 2017, „Gefäß zwei“, 2017 (v.l.n.r.). Die Jury erklärt: „(…) Aus Tonwülsten, nur mit Daumen und Zeigefinger gedrückt und gekniffen, eventuell mit Stegen verstärkt, baut sie ihre Arbeiten auf. Starkfarbige Porzellanengoben unterstreichen den selbstbewussten plastischen Eindruck.“
Foto: Susanne Neumann

 

Plastiken von Viola Relle und Raphael Weilguni, Ausstellung zum Frechener Keramikpreis 2018 im Keramion

Viola Relle und Raphael Weilguni, „Selber (v.l.n.r. Kongo, Indianer, Satellit)“, 2017. „(…) Dort entdeckt man bei längerer Betrachtung immer wieder neue Details:“, beschreibt die Jury die Innenansichten der Objekte, „wie mit Knetmasse improvisierte Partien im Kontrast zu organisch anmutenden Formwucherungen, daneben versteckte Schriftzeichen und subtile Zeichnungen, Strukturelemente, die wie Erosionsspuren daherkommen, Glasurkrakelees von morbider Eleganz. (…)“
Foto: Susanne Neumann

 

Objektgruppe von David Rauer beim Frechener Keramikpreis 2018 im Keramion

David Rauer, Objektgruppe „Keramistasie“, 2018. „Das dritte Keramikobjekt in phallischer Form erhält seine Standfestigkeit durch amorphen Bauschaum und wird von einer neongelben Aureole umkreist“, erklärt die Jury. „Das miteingereichte Video seiner Performance „Propftropf“ offenbart, was die mutige Intention von David Rauer ist: Er möchte Kunstwerke von der gewohnten Etikette des Genialen befreien.“
Foto: Susanne Neumann

 

Zeichnungen und Plastiken von Anna Dorothea Klug in der Ausstellung zum Frechener Keramikpreis 2018 im Keramion

„„Scotty, beam me down“ – die sieben keramischen Figuren der Installation „Neue Boten von der Welt dahinter“ von Anna Dorothea Klug scheinen gerade auf Transporter-Plattformen im KERAMION gelandet zu sein“, assoziiert die Jury. Anna Dorothea Klug, „Neue Boten von der Welt dahinter“, 2017, Zeichnungen + Plastiken.
Foto: Susanne Neumann

Quellenhinweis: Text und Bildunterschriften stammen in Auszügen aus Presseinformationen des Keramions und aus den Statements der Jury, die im Katalog zur Ausstellung zum „Keramikpreis 2018 der Frechener Kulturstiftung“ nachzulesen sind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.