„Jeck mit Händikäpp“: Der designierte Prinz Karneval von Bachem ist Autist

Kai schaut seine Mutter liebevoll an. Dann öffnet er wortlos seine Arme und geht zu ihr. Die beiden umarmen sich und kuscheln sich aneinander. Die Geste ist die stille Antwort auf eine Frage, die soeben gestellt wurde: „Sie beide haben ein sehr inniges Verhältnis, oder?“ „Ja“, bestätigt Kais Mutter Katja Wallraf später, „zwischen uns passt kein Blatt.“

Reden ist nicht Kais Stärke. Worte richtig auszusprechen fällt ihm schwer. Das liegt an seiner Sprachentwicklungsstörung. Wer Kai nicht gut kennt, kann kaum verstehen, was er sagt. Deshalb wird Katja Wallraf für ihren Sohn das Wort ergreifen, wenn er in der kommenden Karnevalszeit als Prinz in Bachem die Jecken regieren wird. Sie wird Prinz Kai als Prinzessin Katja zur Seite stehen.

Mannschaft der Bachemer Tollitäten 2019/2020

Im Garten von Familie Wallraf in Frechen-Bachem posierte die Mannschaft des designierten Bachemer Prinzenpaars der Session 2019/2020 für die Lokalpresse: Prinzenpaar Katja und Kai Wallraf (vorne), Adjutant Michael Wallraf (Mitte), Prinzenführer Günter Clauss, Präsident der Zuggemeinschaft Bachem bliev Bachem (links) und Fahrer Günter Dreschmann, Zugleiter der Zuggemeinschaft Bachem bliev Bachem.
Foto: Susanne Neumann

Diagnose Autismus erst mit 10 Jahren

Schon im Kleinkindalter wurde Kai eine „globale Entwicklungsstörung“ attestiert. Nicht nur sprechen, auch lesen, schreiben und rechnen – das alles lernte und lernt der heute 17-Jährige nur sehr langsam. „Wir sind gerade beim kleinen Einmaleins“ verdeutlichet seine Mutter seinen aktuellen Entwicklungsstand. Sein Sprachschatz werde einmal kaum mehr 1000 Worte umfassen, hatte man ihr und ihrem Mann prognostiziert. Einzelne Wörter und Buchstaben können er lesen oder wiedererkennen. „Aber den Sinn von einem Satz aus drei Worten kann er sich nicht erschließen.“

„Was anders abläuft, als er es gewohnt ist, wirft ihn aus der Bahn“
(Mutter von Kai)

Auch seine sozialen Fähigkeiten und Kontakte entwickelten sich nicht so wie bei den meisten anderen Kindern. Kai baute nur zu wenigen Menschen in seiner Umgebung eine Beziehung auf. An privaten Treffen mit Freunden sei er bis heute nicht interessiert, wie Katja Wallraf berichtet. „Kai ist lieber für sich“. Schon im heilpädagogischen Kindergarten, den er besuchte, und später auch in der Schule, seien stark autistische Züge in seinem Verhalten aufgefallen. Er wies andere Kinder häufig zurecht, wenn sie die Regeln nicht einhielten, oder bekam Wutanfälle, wenn jemand oder etwas seine Ordnung durcheinander brachte. Als Kai 10 Jahre alt war, bekam er die Diagnose „frühkindlicher Autismus“. Das bedeutet vor allem, dass Kai auf eine vertraute Umgebung und geregelte Abläufe besonders angewiesen ist. „Was anders abläuft, als er es gewohnt ist, wirft ihn aus der Bahn“, beschreibt Katja Wallraf ein typisches Merkmal seiner autistischen Störung.

Kai in seinem Zimmer mit Fahrplan des VRS

Das aktuelle Kursbuch des VRS gehört zu seinem festen Inventar. Linie für Linie lernt Kai die Verbindungen und Haltestellen der Stadtbahn- und Buslinien auswendig – sein Spezialgebiet! Außerdem ist er ein großer Fan des 1. FC Köln.
Foto: Susanne Neumann

Nicht typisch ist, dass er mit seiner Mutter kuschelt. Weil Kai bei ihr auf dem Schoß saß, habe man ihn im sozial-pädiatrischen Zentrum zunächst nicht für autistisch gehalten, erzählt die Mutter. Heute ist man weiter und spricht nicht mehr von verschiedenen Autismus-Arten mit klar definierten und abzugrenzenden Symptomen sondern von „Autismus-Spektrum-Störungen“ als eine Kategorie mit unterschiedlichen Schweregraden, Ausprägungen und fließenden Übergängen.  (Quelle u.a.: https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugend-psychiatrie/erkrankungen/autismus-spektrum-stoerung-ass/was-sind-autismus-spektrum-stoerungen/)

Berühren lasse sich Kai schon, weiß Katja Wallraf, aber er entscheide selbst, von wem. „Deswegen ist es mir auch lieber, dass die Leute vorher fragen, ob er das möchte. Wenn ihn jemand überfällt, dann kann er damit gar nicht umgehen.“

„Wir sind da und können ihn auffangen“
(Mutter von Kai)

Aber sind das alles nicht denkbar ungünstige Voraussetzungen dafür, einen Prinzen im rheinischen Karneval zu geben? Mit Bützjer und Alaaf? Und 50 bis 60 Auftritten während der Session? Sie habe durchaus mit Kritik von außen gerechnet und sei bereit über die Entscheidung zu diskutieren, räumt Katja Wallraf ein. Aber sie und ihr Mann seien überzeugt, dass Kai das Amt zuzutrauen ist. Vor allem aus zwei Gründen: „Wir sind da und können ihn auffangen!“ Und außerdem sei Kai Karnevalsjeck durch und durch und einmal Prinz zu sein sein eigener Wunsch. Zu seinem 18. Geburtstag im Frühjahr nächsten Jahres wollen seine Eltern ihm diesen Wunsch nun erfüllen. „Alaaf!“ zu rufen und ein fester Händedruck werden schon fleißig geübt. „Und Tanzen und Singen werden wir als Prinzenpaar eben nicht.“ Kais Vater Michael Wallraf wird das Prinzenpaar als Adjutant stets begleiten. Katja Wallraf: „Ich glaube, dass wir auch als Familie eine gute Zeit haben werden.“

Familie Wallraf als Mainzelmännchen in der Kölner Flora 2019

Gemeinsam verkleidet, hier als Mainzelmännchen, besucht Familie Wallraf jedes Jahr die Prunksitzung der KKG Alt Lindenthal in der Kölner Flora.
Foto: privat

Die Kombination Prinz Kai und Prinzessin Katja entwickelte sich aus einer Idee, die bei einer Vorstandssitzung der Zuggemeinschaft Bachem bliev Bachem aufkam, in der Katja Wallraf Schriftführerin ist. Die Zuggemeinschaft veranstaltet jedes Jahr den Karnevalszug durch den Frechener Ortsteil Bachem und bemüht sich um eigene Tollitäten. Bis dato hatte sich noch niemand für das Amt gemeldet, nach einer Session ohne Tollitäten drohte eine weitere. „Einen Prinzen hätte ich für euch“, habe sie damals spontan in die Runde geworfen, erzählt Katja Wallraf. Doch dass der größte Wunsch ihres Sohnes tatsächlich in Erfüllung gehen würde, daran glaubte sie zunächst selbst nicht.

Karneval mit festem Programm

Dabei hatte ihr Sohn schon früh seine Begeisterung vom rheinischen Karneval offenbart. „Als Kai sieben Jahren alt war, hab ich mit ihm zum ersten Mal den ganzen Rosenmontagszug in Köln angeschaut“, erzählt Katja Wallraf. „Als nach fünfeinhalb Stunden der letzte Wagen an uns vorbeigerollt war, guckt mein Sohn die Straße runter und sagt: „Mama! Mehr!“

Seitdem ist der Kölner Rosenmontagszug für ihn fester Bestandteil der tollen Tage. Genauso wie der Zug durch Hürth-Berrenrath an Weiberfastnacht, der Frechener Karnevalszug am Sonntag und natürlich samstags der Zug durch Bachem. Seit 2013 läuft er dort als Mitglied einer Gruppe der Lebenshilfe Rhein-Erft sogar mit. Katja Wallraf hat seit 2008 ehrenamtlich im Vorstand der Lebenshilfe mitgearbeitet und die Teilnahme am Bachemer Zug jedes Jahr organisiert. „Nach dem Zug leuchten immer die Augen“, schwärmt sie von der Begeisterung der Jecken mit Händikäpp („50 Jahre jeck mit Händikäpp“ war in 2013 das Motto der Lebenshilfe Rhein-Erft im Bachemer Zug).

Bachemer Dreigestirn beim Zug 2017 mit Gruppenmitgliedern der Lebenshilfe Rhein-Erft

Seit 2013 geht eine Gruppe der Lebenshilfe Rhein-Erft jedes Jahr mit großer Begeisterung im Bachemer Karnevalszug mit – hier mit dem Bachemer Dreigestirn in 2017. Katja Wallraf hat die Teilnahme jedes Jahr organisiert.
Foto: privat

Als Prinzenpaar die Inklusion voranbringen

Inklusion sei ihr großes Thema, erklärt Katja Wallraf. „Da hat sich in den letzten Jahren schon viel getan, aber Luft nach oben ist immer. Und wir als Prinzenpaar können dazu beitragen, dass es wieder ein Stück weiter geht.“ Kai besucht die Paul-Kraemer-Schule in Frechen-Habbelrath, eine Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung, und seine Eltern sind froh, dass er die Möglichkeit hat. Sie sei grundsätzlich gegen die Abschaffung von Förderschulen, erklärt Katja Wallraf. Dennoch haben seine Eltern immer unterstützt, dass Kai seine Zeit auch mit Menschen ohne Handicap verbringt. So geht er seit vielen Jahren regelmäßig beim TSC Hürth schwimmen.

Und mit den Falken im Rhein-Erft verbringt er den Großteil seiner Ferien, nimmt an den Ferienfreizeiten teil und fährt nunmehr im fünften Jahr sogar mit ins Zeltlager auf die Insel Föhr. Dort kümmert sich eine eigens für ihn bestimmte Betreuerin um Kai. Nicht bei allen aber doch einigen Gemeinschaftsaktivitäten mache er im Feriencamp mit, weiß Katja Wallraf. Vorzeitig abholen mussten seine Eltern ihn nie. „Im Gegenteil, Kai tröstet andere Kinder, wenn Sie Heimweh haben“. Wie er das mache? Kai führt es selber vor: Er streichelt seiner Mutter die Schulter.

Kai mit seiner Betreuerin Linda Langen in den Ferien

Linda Langen betreut Kai persönlich, wenn er mit den Falken im Zeltlager auf der Insel Föhr zwei Wochen Ferien verbringt. Auch sonst verbringt sie häufig Zeit mit ihm.
Foto: privat

Im Frühjahr dieses Jahres durfte Kai einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung Selbstständigkeit tun: Da ließen ihn seine Eltern zum ersten Mal ganz alleine mit Bus und Bahn nach Köln fahren. „Das ist mir ganz schön schwer gefallen“, gesteht seine Mutter. Doch Kai meisterte den Ausflug mit Bravour. Seitdem versucht er möglichst jede Woche eine Tour zu unternehmen. Minutiös plant er seine Ausflüge mit dem Fahrplan des Verkehrsverbunds Rhein-Sieg (VRS). Die Verbindungen und Haltestellen der Stadtbahn- und Buslinien des VRS sind sein Spezialgebiet: Er lernt sie Linie für Linie auswendig. „Es ist immer wieder erstaunlich, was sich Autisten alles merken können“, erwähnt Katja Wallraf. Eine außergewöhnliche Merkfähigkeit vor allem in ihren Spezialgebieten haben autistische Menschen häufig.

Seine Amtszeit als Prinz Karneval werde sein Selbstbewusstsein stärken und ihn weiterbringen, ist sich Katja Wallraf sicher. Aber vor allem wünscht sie ihm ganz viel Spaß dabei! „Ich möchte, dass Kai das Erlebnis nie wieder vergisst!“

Schaltpult der Stadtbahn in Kais Zimmer

In Kais Zimmer steht ein ausrangiertes Schaltpult aus einer Stadtbahn der KVB. Darauf montiert er gerne seinen Tablet Computer, ruft auf der Videoplattform Youtube Filmmitschnitte von Stadtbahnfahrten auf und geht als Zugführer an seinem Schaltpult auf Tour über die Stadtbahn-Gleise von Köln.
Foto: Susanne Neumann

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