Unbequemen Wahrheiten im Klimaschutz

 

von Nils Küchler aus Königsdorf zur jüngst entfachten Diskussion über den neuen Autobahnanschluss Frechen-Königsdorf. Der Kommentator ist Mitglied des Orstverbands Bündnis ’90/Grüne in Frechen und sachkundiger Bürger im Schulausschuss der Stadt.

Viele Autofahrer*innen sind manchmal bequem, egoistisch, uneinsichtig und haben Angst vor Veränderungen – wie jeder Mensch. Das ist allerdings keine Rechtfertigung dafür, systematisch die Augen vor notwendigen Veränderungen in der Verkehrspolitik zu verschließen, welche unabdingbar sind, um die CO2-Reduktionsziele der Bundesregierung zu erreichen – davon mal abgesehen, dass diese mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht einmal ausreichen werden, um die globale Erwärmung auf unter 2°C zu begrenzen [1]. Natürlich ist das Beharren auf dem Status quo eine verständliche und zu tiefst menschliche Eigenschaft, denn Veränderungen passen meist nicht mit grundlegenden Bedürfnissen wie Beständigkeit, Planbarkeit und Sicherheit zusammen. Wenn diese in Gefahr geraten, handeln Menschen schnell irrational, was häufig in emotionalisierten Äußerungen und/oder Pressemitteilungen mündet, die sich wenig bis gar nicht auf Fakten beziehen.

So geschehen auch bei den öffentlichen Reaktionen, die sich über eine – nach meiner Ansicht – gut begründete Meinung der Frechener Grünen, nämlich dass der Weiterbau des Autobahnanschlusses Frechen-Königsdorf nicht mehr zeitgemäß ist, echauffierten und die Frechener Grünen auf unsachliche Weise kritisierten. Es wurde ein globales Problem mit einer Brille betrachtet, deren Sicht nicht über Königsdorf hinaus reicht. Es geht darum den Verkehr überall zu reduzieren und nicht nur auf der Aachener Straße in Königsdorf. Klimaschutz steht und fällt mit nachhaltigen kommunalen Entscheidungen, die den Gesamtkontext einbeziehen. In einem sachlichen Diskurs über die Gesamtproblematik würde ich mir mehr wünschen als nur Schlagworte wie „grünes Verkehrschaos“ und die Fokussierung auf die Luftqualität auf der Hauptstraße Frechen-Königsdorfs. Natürlich ist der Wunsch der Anwohner*innen nach Verkehrsberuhigung und geringer Schadstoffbelastung völlig berechtigt. Lösungsansätze sollten aber darauf abzielen, die Aachener Straße langfristig zu entlasten.

Ein erhöhtes Angebot an Straßeninfrastruktur, wie einen zusätzlichen Autobahnanschluss, wirkt nur kurzfristig und wird langfristig insgesamt mehr Verkehr auf die Straße bringen und somit CO2-Emissionen und Schadstoffbelastung nach oben treiben. Der heutige Stand der Wissenschaft ist nach meiner Auffassung eindeutig. Mehr Straßen und der damit verbundene erleichterte Zugang zu kürzeren Fahrzeiten erhöhen das Verkehrsaufkommen insgesamt (vgl. [2],[3],[4]). Bei meiner Recherche habe ich kaum Aufsätze gefunden, die in anerkannten wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden und das Gegenteil belegen. Diejenigen, die es gibt (vgl. [5]), wurden von führenden Wissenschaftler*innen umgehend kritisiert und widerlegt [6]. Häufig vermindert neu geschaffene Straßeninfrastruktur das Verkehrsaufkommen lokal nur über einen kurzen Zeitraum, da durch die kurzzeitige Verringerung des Verkehrs das Autofahren für bisherige Nichtfahrer*innen attraktiver wird [7]. Heißt also: Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich das Verkehrsaufkommen in Königsdorf zunächst verringern, sich aber im Laufe der Zeit wieder an das ursprüngliche Niveau annähern wird. Genau dieser Effekt wurde übrigens auch bei der Ortsumfahrung Buschbell beobachtet. Aus Verkehrszählungen der Stadt Frechen geht hervor, dass die Ortsdurchfahrt zwar um ca. 58 Prozent entlastet, dass sich allerdings der Gesamtverkehr durch Buschbell um 23,5 Prozent erhöht hat [8]. Die Folge: Insgesamt mehr Verkehr und CO2, wenig Entlastung für die Anwohner*innen und ein zerklüftetes Naherholungsgebiet.

Natürlich wäre eine verkehrsberuhigte Aachener Straße in Königsdorf eine wunderbare Sache, ich selbst fahre dort regelmäßig mit dem Fahrrad entlang. Allerdings scheint der Bau von neuen Straßen und Autobahnanschlüssen nicht der richtige Weg zu sein, dies zu erreichen. Da die Aachener Straße außerdem als Ersatzstraße für die A4 dient, sind die Möglichkeiten der direkten Verkehrsberuhigung, wie z.B. ein Durchfahrtsverbot für Nicht-Anlieger-LKW, der Bau von Barrieren oder die Schaffung eines breiten Fahrradstreifens, leider nicht ohne Weiteres bis unmöglich umzusetzen. Um den Verkehr sowohl in Königsdorf als auch insgesamt zu reduzieren, muss aus meiner Sicht die Nutzung des ÖPNVs im Vergleich zum Auto attraktiver gemacht werden. Hier kommt die für alle ungeduldigen Autofahrer ungeliebte Pförtnerampel ins Spiel. Sie würde dafür sorgen, dass der Verkehr auf der Aachener Straße reglementiert und flüssiger würde und somit Stickoxide und Lärm zum großen Teil außerhalb der Ortschaft auftreten würden. Des Weiteren würde dadurch die Nutzung der S-Bahn und der Park&Ride-Parkplätze attraktiver, da im Stau zu stehen Zeit kostet.

Zuletzt möchte ich klarstellen, dass ich viele verkehrsberuhigende Maßnahmen, wie z.B. eine Pförtnerampel, nicht für das Nonplusultra des Klimaschutzes halte. Sie sind vielmehr das kleinere Übel, das wir nun in Kauf nehmen sollten, um nicht noch mehr kostbare Jahre und Millionen in Projekte zu stecken, die nichts zur jetzt benötigten Verkehrswende beitragen. Natürlich ist eine vollständige Dekarbonisierung des Verkehrssektors durch technologischen Maßnahmen wie Elektromobilität, synthetische Kraftstoffe und Brennstoffzelle möglich. Diese setzt aber eine drastische Reduktion des Straßenverkehrs durch Verkehrsverlagerung voraus [9] – und dazu gehören Straßenbauprojekte wie der Autobahnanschluss Frechen-Königsdorf wohl nicht.

Anmerkung der Herausgeberin: Gastkommentare auf Frechenschau.de spiegel nicht die Meinung der Redaktion wieder. Sie behält sich vor, eingesandte Gastbeiträge nicht zu veröffentlichen.

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Fußnoten/Literatur [ein/angefügt von Nils Küchler, A.d.Red]

[1] https://www.tagesschau.de/inland/klimapaket-123.html

[2] Effectiveness of Ring Roads in Reducing Traffic Congestion in Cities for Long Run: Big Almaty Ring Road Case Study, 2019, Sustainability11(18):4973, DOI: 10.3390/su11184973

[3] Han van der Loopa,*, Rinus Haaijerb , Jasper Willigers, 2016, New findings in the Netherlands about induced demand and the benefits of new road infrastructure

[4] Hymel, K. If you build it, they will drive: Measuring induced demand for vehicle travel in urban areas. Transp. Policy 2019, 76, 57–66.

[5] B. Prakash & E. H. D'A. Oliver & K. Balcombe, 2001, Does building new roads really create extra traffic? Some new evidence, Applied Economics, Taylor & Francis Journals, vol. 33(12), pages 1579-1585.

[6] Phil Goodwin & Robert B. Noland, 2003, Building new roads really does create extra traffic: a response to Prakash et al., Applied Economics,35:13,1451-1457,DOI:10.1080/0003684032000089872

[7] Klumpenhouwer, W. Ring Road, More Lanes on Deerfoot Will Not Improve Traffic – Spur the New West. Available online: http://www.spuryyc.org/ring-road-more-lanes-on-deerfoot-will-not-improve-traffic/ (abgerufen am 13.01.2021).

[8] Stadt Frechen, Vorgang 256/16/2019, https://sdnetrim.kdvz-frechen.de/rim4380/vorgang/?__=UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZT1JJwP9qSgqc__neUEVnLk

[9] Agora Verkehrswende, 2018, Klimaschutz im Verkehr: Maßnahmen zur Erreichung des Sektorziels 2030

3 Kommentare

  • Henry Schumacher

    Lieber Herr Küchler,

    vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Er trifft sicher viele Aspekte sehr gut.
    Ich will mich kurz fassen, was mir immer schwer fällt.
    Es ist für mich mittlerweile sehr schwer „Grüne“ Argumente zu akzeptieren, weil, siehe NRW, sind diese immer von den jeweiligen Machtverhältnissen abhängig!
    In diesem Fall sind es im wesentlichen drei Überlegungen, die in mir Widerspruch hervorrufen:
    1. Es ist schon sehr viel Geld in den Autobahnanschluss geflossen. Der Rückbau wird nach meiner Erfahrung mindestens soviel Geld kosten, wie die Fertigstellung.
    2. Die Alternativen werden nach Entschlussfreudigkeit (und bürokratischen Hemmnissen) noch sehr lange auf sich warten lassen.
    3. Die Verkehrswende in NRW und der Republik wird nicht in Königsdorf herbeigeführt.
    Fazit: Das Eine muss gemacht und das Andere nicht gelassen werden!
    Autobahnanschluss fertig bauen, ÖPNV stärken, Königsdorf Fußgänger- und Fahrradfreundlicher machen!

    • Nils Küchler

      Lieber Herr Schumacher,

      vielen Dank für Ihr Kommentar.

      Zu Punkt 1: Können Sie Punkt 1 Anhand von Statistiken belegen?

      Zu Punkt 2: Demokratie dauer manchmal etwas länger als Autokratie, dass stimmt. Allerdings ist das meiner Meinung nach kein Argument auf Klimaschutz zu verzichten.

      Zu Punkt 3: Richtig, nicht allein in Königsdorf, aber auch. Wenn niemand damit anfangen wird, passiert nichts. Ähnliche Problematik und Argumentationslinien gibt es z.B. auch bei der Suche nach einer Endlagerstätte für Atommüll. Alle wollten den Strom, doch keiner den Müll.

  • Christoph Schober

    Herr Küchler liefert eine m.E. korrekte Analyse der verkehrlichen Folgen eines Ausbaus des Autbahnanschlusses für Königsdorf und zu Recht bezeichnet er dies als Königsdorfer Kirchturmpolitik (= „Königsdorfer Brille“).
    Im Kern verweist diese Auseinandersetzung auf komplett unterschiedliche Referenzpunkte: die Grünen beziehen sich in ihrer Kritik auf das von den Fridays for Future beauftragte Gutachten des „Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie“ und die CDU zeigt auf ihre seit 42 Jahren andauernden Bemühungen für den Autobahnanschluss.
    Die Grünen referieren auf die Zukunft des Planeten die CDU auf Mobilitätsvorstellungen des vergangenen Jahrhunderts.
    Und das eher dabei wenig Erstaunliche: die CDU geht im Grunde auf die Kritikpunkte der Grünen überhaupt nicht ein. Nach Respekt vor dem eigenen Koalitionspartner sieht das nicht aus.

    Kommunalpolitisch gibt es wenige Punkte, bei denen die lokale Politik Entscheidungen treffen kann, die den CO2-Ausstoß verringert. Dazu zählt bspw. der Verzicht auf die Ausweisung neuer Gewerbe- und Wohnbaugebiete, insbesondere aber die Verkehrspolitik. Wieviel Straßenraum erhält das Auto, wie autofreundlich sind die Verkehrsräume gestaltet, wieviel Parkraum gebe ich dem Auto? Oder andersherum formuliert: wie wenig Straßenraum, wie wenig Freiraum erhalten Fußgänger*innen und Radfahrer*innen und wie gut ist der ÖPNV?

    Die Vorstellungen von Grünen und CDU stehen sich hier, wenn man die harten kommunalpolitischen Fakten betrachten, diametral gegenüber. Einige Pseudozugeständnisse der CDU beim Thema Radstraßen (in engen, zum Überholen von Radler*innen meist ungeeigneten Seitenstraßen) korrespondiert mit der notwendigen Härte und Kompromisslosigkeit bei all den Punkten, die Autofahrer*innen wirklich ärgern können: Reduzierung des Parkraums, Parkgebühren, Verlust von Straßenraum durch Fahrradwege / – streifen.

    Wie die Grünen sich hinter dem Schlagwort: „Schwarz-Grün ist das Zukunftsmodell“ sammeln können, bleibt spätestens nach diesem Schlagabtausch komplett unverständlich.

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