Cornel Lindemann-Berk im Interview – „Der Spagat ist mir nicht mehr so gut gelungen“

Cornel Lindemann-Berk hat sich vergangene Woche überraschend aus der Politik zurückgezogen – und zwar endgültig, wie er versichert. Der Landwirt und Diplom Maschinenbau Ingenieur trat überraschend als Fraktionsvorsitzender der CDU * zurück und legte auch sein Ratsmandat nieder. Als Vorsitzender des Aktivkreises, einem Zusammenschluss Frechener Unternehmer und Förderer, wird er sich jedoch weiterhin für die Interessen der Frechener Geschäftsleute einsetzen und will „für eine lebendige Innenstadt“ sorgen. Wie die aussehen soll, darüber gibt es in Frechen seit Jahren Streit (eine Chronik lesen Sie hier). Susanne Neumann besuchte Cornel Lindemann-Berk für ein Interview im Gut Neu-Hemmerich in Frechen-Bachem.

 

Cornel Lindemann-Berk in seinem Büro im Gut Neu-Hemmerich

Zum Interview empfing Dipl. Ing. Cornel Lindemann-Berk Frechenschau.de in seinem Büro im Gut Neu-Hemmerich in Frechen-Bachem. Bild: Susanne Neumann

 

Herr Lindemann-Bark, vor einer Woche haben Sie Ihren Rücktritt als Fraktionsvorsitzender der CDU verkündet und Ihr Mandat als Stadtverordneter niedergelegt. Wie geht es Ihnen heute Morgen?

Mir geht es sehr gut. Ich habe viele Freiheitsgrade gewonnen und viel Last abgeworfen. Politik hat mir viel Spaß gemacht. Aber die menschliche Komponente war eine sehr Schwierige dabei. Ich bin ein sehr sachorientierter Mensch und bin vielleicht mit den vielen Emotionen, die da so im Raum standen, nicht fertig geworden. Das habe ich wohl unterschätzt. An einem bestimmten Punkt ist mir auch klar geworden, dass Fraktionsvorsitzender fast so eine Art Dompteurposition ist (schmunzelt). Es ist schon ein echtes Kunstwerk, seine Fraktion zusammenzuhalten, besonders wenn man in einer großen Koalition ist (im Frechener Stadtrat bilden CDU, FDP und Bündnis 90/ Die Grünen die Mehrheitskoalition, A.d.R.). Der Fraktionsvorsitzende muss in den Verhandlungen Kompromisse eingehen, die die Richtung seiner Partei berücksichtigen und die gleichzeitig den anderen die Möglichkeit geben, ihre Ideen umzusetzen. Als Ergebnis sind eigentlich immer alle ein bisschen unzufrieden. Das ist ein sehr schwieriger Spagat, und ich hatte in letzter Zeit immer mehr das Gefühl, dass mir der nicht mehr so gut gelungen ist. Meine Fraktion hat mir dieses Gefühl auch immer sehr wirkungsvoll übermittelt.

Ihr Rücktritt hatte also sowohl fraktionsinterne Gründe als auch mit der Koalition zu tun?

Ich hatte mit der Koalition weniger Probleme als mit der Fraktion selbst. Wenn man häufiger bei Abstimmungen innerhalb der Fraktionssitzung unterliegt, auch bei Themen, die man für wenig wichtig hält, dann muss man ja irgendwann den Schluss ziehen, dass man als Vorsitzender vielleicht an der falschen Stelle sitzt. Dass man vielleicht gar nicht mehr gewollt wird, sonst würde einen die Fraktion ja nicht ständig bei einer Abstimmung hängen lassen.

Sie hatten also zum Schluss den Eindruck, dass Sie als Fraktionsvorsitzender nicht mehr gewollt wurden?

Also, wenn man an einem Tag zweimal haushoch verliert bei Abstimmungen, bei denen es einmal um – sagen wir mal – logische Arbeitsabläufe ging, und einmal um ein rein menschliches Thema, dann war der Rückschluss schon naheliegend.

Verraten Sie, welche beiden Themen das waren?

Nein.

Jedenfalls kann man Ihnen nun nicht mehr vorhalten, gleichzeitig Aktivkreisvorsitzender und Fraktionsvorsitzender zu sein und damit Ihr eigener Lobbyist.

Das habe ich sowieso nie ganz verstanden. Als Aktivkreisvorsitzender setzt man sich für eine lebendige Innenstadt ein, zusammen mit den Geschäftsleuten, aber auch jedem, der das fördern will. Wir haben viele fördernde Mitglieder, die in den Aktivkreis eintreten, ohne dass sie ein Geschäft betreiben. Wie ich selber übrigens auch. Ich habe nie verstanden, wo da der Interessenkonflikt sein soll. Die Politik hat die Aufgabe, sich für eine lebendige Innenstadt einzusetzen, und der Aktivkreis auch.

Aber bei Abstimmungen im Rat oder in den Ausschüssen, bei denen es um die Gestaltung der Hauptstraße ging, haben Sie sich als Stadtverordneter enthalten …

Ja gut, wenn man Vorsitzender ist, könnte das natürlich zu einem Interessenkonflikt führen. Und selbst in Kleinigkeiten möchte ich mich gerne korrekt verhalten. Die Befangenheit ist eine persönliche Entscheidung. Da gibt es andere, die sich in ähnlichen Positionen niemals als befangen erklären … aber ich sehe das etwas enger.

Haben Sie deswegen auch nicht an dem „Runden Tisch“ teilgenommen, bei dem sich am 19. Oktober Aktivkreis, Koalitionsmitglieder und Stadtverwaltung über die Gestaltung der Fußgängerzone auf der Hauptstraße ausgetauscht haben?

Da gab es schon dieses emotionale Getöse, und ich wollte das mit meiner Doppelfunktion nicht weiter belasten. Um den Teilnehmern zu ermöglichen, zu einer rein sachlichen Diskussion zurückzufinden, habe ich dem Aktivkreis vorgeschlagen, dass ich bei diesem Thema nicht mit diskutiere. Leider haben die SPD und Linksfraktion das Gespräch verweigert. Was ich auch nicht ganz verstanden habe. Man sollte den Geschäftsleuten doch die Möglichkeit geben, mal ihre Probleme darzustellen, um in der Politik leichter darauf reagieren zu können. Das sind ja keine fiktiven Probleme, sondern das sind echte Probleme, die irgendwann zum Untergang der Geschäfte führen, wenn man sie nicht gelöst bekommt.

Und was für Probleme sind das?

Das Hauptproblem sind diese enormen Sicherheitskorridore auf beiden Seiten der Allee. Bei Großveranstaltungen kann man nur noch zwischen den Bäumen etwas machen. Aber da ist der Abstand zu gering. Man konnte es letztens ja auch in der Presse lesen: Da haben sich die Besucher des Martinsmarkts beschwert, dass es zu große Aufstellungslücken gäbe. Diese großen Aufstellungslücken gibt es, weil aufgrund der Sicherheitsvorgaben keine Stellflächen übriggeblieben sind.

Das nächste Problem ist, dass die Geschäfte auf der einen Seite vom Fußgängerstrom abgeschnitten sind. Wie man auf der Hauptstraße sehr schön sehen kann, gibt es auf der Seite, wo die Allee ist, sehr viel Leerstand. Auf der anderen Seite sind alle Geschäfte vermietet.

Ahorn-Allee

Zwischen Rothkampstraße und Keimesstraße erstreckt sich die Ahorn-Allee antlang der Haußtstraße. Sie steht im Zentrum der seit Jahren währenden Diskussionen um die Gestaltung der Fußgängerzone. Bild: S. Neumann

 

Man kann auch nicht von der einen auf die andere Seite der Hauptstraße gucken. Der Kunde könnte auch aus der Bahn bei langsamer Fahrt durch die Fußgängerzone die Geschäfte nicht sehen, da die Bäume die Sicht verdecken. Und jetzt im Winter verschwindet auch noch die Weihnachtsbeleuchtung restlos in den Bäumen.

Ein weiteres Problem ist, dass die Zwergallee aus Ahornbäumen besteht. Der Ahorn ist eine extrem robuste Pflanze. Der geht nie kaputt und der ist deswegen auch nicht krank. Aber er ist das Lieblingsfutter für Blattläuse. Und diese Blattläuse sitzen im Sommer zu Millionen auf diesen Bäumen und geben als Abfallprodukt Honigtau ab. Wenn man unter den Bäumen durchläuft, merkt man, wie man am Boden festklebt. Und alles, was da drunter ist, wird versaut – ob das die Gartenmöbel sind, oder die Außengastronomie-Möbel.

Deshalb haben wir vor fünf Jahren schon den Antrag gestellt, dass man die Gestaltung der Hauptstraße mal überarbeitet, und zwar in Zusammenarbeit mit den Bürgern, mit den Veranstaltern der Großveranstaltungen und mit den Geschäftsleuten. Dass das dann so emotionalisiert worden ist, ist eigentlich sehr schade. Denn jetzt haben wir fünf Jahre verloren. Und wir haben in der Zeit jede Menge gute Fachgeschäfte verloren. Irgendwann ist die Hauptstraße auf dem Niveau der oberen Hauptstraße. Und dann ist nichts mehr zu machen. Wenn erst mal Leerstand da ist, dann sagt jede gute Geschäftskette: das ist eine schlechte Lage. Die Geschäfte kommen aber nur in eine attraktive Straße.

Wie stellen Sie sich denn eine attraktivere Fußgängerzone vor?

Kurzfristig und um Geld zu sparen wäre es gut, wenn man jede zweite Doppelbaumreihe entfernen würde. Und langfristig wäre es gut, wenn man die niedrigen Bäume durch höhere ersetzen würde. Und zwar mit einem größeren Abstand und vermutlich auch nur noch in einer Einzelreihe. Für eine Doppelreihe ist eigentlich gar kein Platz. Auf jeden Fall sollte man fachkundigen Rat einholen, was für die Innenstadt mit den Anforderungen der geeignete Baum ist. Ich meine, es müsste ein höherer Baum sein, der lichter und der für Schädlinge relativ unattraktiv ist.

So, wie die Platanen in der Fußgängerzone Richtung Dr.-Tusch-Straße und auf dem Marktplatz?

So ein großer Baum geht, glaube ich, auch nicht. Die Kronen sind so riesig und haben bei Wind so viel Angriffsfläche. Mir ist sowieso rätselhaft, wie man die in der Größe so lassen kann. Die sind richtig schön, die Bäume, aber bei Sturm wird ist es spannend darunter.

Der Aktivkreis organisiert vier Großveranstaltungen im Jahr, den Martinsmarkt im November, das Stadtfest im Juni und seit zwei Jahren einen Deutsch-Holländischen Stoffmarkt im September. Für Anfang April 2017 war bislang noch ein „Schnäppchenmarkt“ geplant. Nun haben Sie für nächstes Jahr einen Bauernmarkt angekündigt?

Ja, wir haben einen Veranstalter aus Brühl, die Firma AvA, die wollte hier gerne einen Bauernmarkt machen. Der wäre für das Frühjahr eine sehr schöne Sache, da könnte man Pflanzen anbieten, oder ländliche Produkte bis zum Weidenkorb. Der Bauernmarkt ist auch schon fest geplant für das erste April-Wochenende, also am 1. und 2. April 2017.

Werden Sie beim Bauernmarkt Kartoffeln anbieten?

Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Vielleicht machen wir einen Informationsstand.

Der Bauernmarkt wird dann die vierte Veranstaltung zu den vier verkaufsoffenen Sonntagen im Jahr, die noch erlaubt sind?

Ja, diese verkaufsoffenen Sonntage sind durch neue Regelungen drastisch erschwert worden. Der neue Erlass des Landes NRW besagt, dass man verkaufsoffene Sonntage nur noch genehmigt bekommt, wenn erstens ein Großevent stattfindet, und wenn das Großevent zweites mehr Besucher anlockt, als der verkaufsoffene Sonntag. Die dritte Bedingung ist noch schwieriger, nämlich dass nur noch Geschäfte im räumlichen Zusammenhang zum Großevent öffnen dürfen. Das ist für die großen Gewerbegebiete ein riesen Problem. Weil es unmöglich ist, ein Stadtfest – sagen wir mal – bis in die Europaallee auszudehnen.

Hat der Aktivkreis Mitglieder im Gewerbegebiet?

Ja, einige, und deshalb machen wir uns da auch große Sorgen. Wir denken momentan darüber nach, wie wir eine Lösung finden, aber bisher haben wir noch keine. Ich glaube aber, es ist für die Frechener Unternehmen in den Gewerbegebieten Existenz gefährdend, wenn sie an den verkaufsoffenen Sonntagen nicht mehr teilnehmen können.

Bringen diese verkaufsoffenen Sonntage den Geschäftsleuten denn so viel?

Wenn sie gut besucht sind, ja. Ich kenne viele Geschäftsleute, die sagen, dass so ein Tag mehr Umsatz bringen kann, als sonst oft der ganze Monat. Und gerade in den ruhigeren Monaten, wie April oder Juni, kann so ein verkaufsoffener Sonntag dazu beitragen, dass die Geschäfte überleben.

Gibt es noch ein anderes Thema, das sie als Aktivkreisvorsitzender in der nächsten Zeit besonders umtreiben wird?

Ja, ein wichtiges Thema ist, wie wir auf den Internethandel reagieren. Wir hatten im letzten Jahr eine Tagung dazu, ob es möglich ist, hier in Frechen eine Art Internetbörse oder einen begleitenden Internethandel durchzuführen. Dass man sozusagen eine Verknüpfung des virtuellen Handels mit dem Vor-Ort-Handel hinbekommt. Wir haben da aber noch nicht die endgültige Lösung. Viele Geschäfte haben ja schon einen Internetauftritt. Aber die Frage ist, ob man auch eine gemeinsame Internetplattform für Frechen hinbekommt, oder ob das zu klein ist und man das mit mehreren Städten rundherum machen muss. Ich denke jedenfalls, die Geschäfte der Zukunft müssen einen Internetauftritt haben, und zwar mit der Möglichkeit, auch im Internet etwas zu beziehen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Lindemann-Berk.

 

* Nachtrag vom 23.12.2016: Dietmar Boomkamp ist neuer Vorsitzender der CDU-Ratskration. Wenige Wochen nach dem Rücktritt des bisherigen Vorsitzenden Cornel Lindemann-Berk wählten die Fraktionmitglieder den 56-jährigen RWE-Vorruheständler zum neuen Vorsitzenden. Dietmar Boomkamp ist seit 2014 Mitglied im Rat, Vorsitzender der CDU in Habbelrath / Grefrath und war bisher als Beisitzer im Fraktionsvorstand sowie im Koalitionsausschuss aktiv. „Mein Ziel ist es, das Gewicht der Mehrheitsfraktion im Rat und in der Koalition erkennbar zu machen und klare christdemokratische Akzente in der Stadtpolitik zu setzen“, sagte Bohnenkamp zu seiner Wahl. „Wir werden zuhören und Interessen aufnehmen, aber auch Entscheidungen treffen und Verantwortung für die Stadt übernehmen. Die CDU-Fraktion bekennt sich zu einer familienorientierten Politik, zur Förderung des Frechener Vereinslebens und zu einer zukunftssicheren Wirtschafts- und Finanzpolitik.“

Die Fraktion wählte außerdem den erweiterten Vorstand. Als 1. Stellvertretender Vorsitzender wurde Stefan Hoss in seinem Amt bestätigt, der in den vergangenen Wochen den Prozess zur Neuwahl des Vorstandes gestaltet hatte. Als weiterer Stellvertreter bekam Karla Palussek die meisten Stimmen. Fraktionsgeschäftsführer wird – wie bisher – Gerd Franken sein. Als Beisitzer agieren zukünftig Thomas Koppers und Ellen Schmitz.

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